Familienbesuch an den Feiertagen: Wie du den Stress kleiner machst

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 6 Min. Lesezeit

Illustration: Gedeckter Esstisch mit Kerzen und mehreren Stühlen

Der Braten steht auf dem Tisch, alle sitzen und dann fällt der eine Satz. Der über deinen Job, deine Wohnung, dein Kind, immer derselbe, immer in demselben Tonfall. Du merkst, wie dir das Blut in die Ohren steigt, und gleichzeitig hörst du dich selbst antworten wie mit sechzehn.

Zwei Stunden später sitzt du im Auto oder im Zug und bist erschöpft, obwohl du nur gegessen und geredet hast. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist das, was passiert, wenn viele kleine Anspannungen sich über einen Tag addieren.

Warum ist der Familienbesuch so oft anstrengend?

Alte Rollen sind schneller da als du. In der Familie gibt es eingespielte Plätze: die Vernünftige, der Nachzügler, die, die sich immer kümmert. Diese Rollen sind über Jahrzehnte eingeübt. Sobald alle am selben Tisch sitzen, rutschen alle hinein, auch du.

Die Erwartungen sind hoch und unausgesprochen. Es soll schön werden. Alle sollen zufrieden sein. Niemand sagt, was das konkret heißt, aber jede Abweichung wird bemerkt.

Es gibt keinen Rückzug. Zuhause kannst du eine Tür schließen. Beim Besuch bist du oft von morgens bis abends in Gesellschaft, manchmal über mehrere Tage, ohne einen Ort für dich.

Der Kopf arbeitet schon vorher. Viele beginnen Tage vor der Anreise, Gespräche im Voraus zu führen. Die Forschung zum Grübeln zeigt, dass dieses Durchspielen die Stimmung drückt und das Problem in aller Regel nicht löst. Wenn dich die Planung des Festes zusätzlich beschäftigt, findest du in Weihnachtsstress einen Weg, die Liste im Kopf zu sortieren.

Was die Forschung zeigt

Am hilfreichsten ist hier die Arbeit von Peter Gollwitzer und Paschal Sheeran. Ihre Metaanalyse aus dem Jahr 2006 fasst zusammen, dass Wenn-Dann-Vorsätze die Umsetzung von Vorhaben deutlich wahrscheinlicher machen. Der Kern: Du legst vorher fest, in welcher konkreten Situation du was tust. Nicht „ich bleibe ruhig", sondern „wenn das Thema Kinderplanung kommt, dann sage ich einen Satz dazu und stehe danach auf, um Wasser zu holen".

Das funktioniert, weil du im Moment selbst nicht mehr abwägen musst. Die Entscheidung ist schon getroffen. Genau dann, wenn Anspannung im Raum ist, ist das ein spürbarer Unterschied.

Dazu passt ein zweiter Befund. Matthew Lieberman und Kolleginnen zeigten 2007, dass das Benennen von Gefühlen die Reaktion im Gehirn auf belastende Reize verändert. Für den Esstisch heißt das schlicht: Wenn du innerlich feststellst „ich bin gerade gekränkt", nimmt das dem Gefühl etwas von seiner Wucht. Du musst es niemandem sagen.

Und wenn du dich fragst, ob du überhaupt absagen darfst: Vanessa Bohns hat in ihrer Übersichtsarbeit von 2016 beschrieben, dass Ablehnen sich für uns selbst deutlich unangenehmer anfühlt, als es beim Gegenüber tatsächlich ankommt. Mehr dazu steht in Nein sagen lernen.

Die Vorab-Entscheidung in vier Schritten

Nimm dir dafür zwanzig Minuten, ein paar Tage vor dem Besuch. Nicht am Abend vorher.

1. Schreib auf, was dich im letzten Jahr am meisten gekostet hat

Nicht allgemein, sondern konkret. Welcher Moment war es? Wer war dabei? Was ging dir danach nach? Meist sind es zwei oder drei wiederkehrende Situationen, nicht der ganze Tag.

2. Entscheide für jede Situation, was du willst

Für jeden Punkt gibt es drei Möglichkeiten: mitgehen, begrenzen oder auslassen. Mitgehen heißt, du machst es bewusst mit, auch wenn es anstrengend ist. Begrenzen heißt, du legst ein Maß fest. Auslassen heißt, du bist in dieser Situation nicht dabei. Alle drei sind erlaubt.

3. Formuliere einen Wenn-Dann-Satz dazu

Schreib ihn wörtlich auf. „Wenn das Gespräch auf meine Trennung kommt, dann sage ich: Darüber möchte ich heute nicht sprechen. Danach frage ich nach dem Urlaub." Oder: „Wenn es nach dem Essen unruhig wird, dann gehe ich zwanzig Minuten um den Block."

4. Lege Anreise, Abreise und eine Pause fest

Das ist der wirksamste Punkt und der, den die meisten auslassen. Entscheide vorher, wann du kommst und wann du gehst, und sag es beim Ankommen freundlich an. Plane außerdem eine feste Pause ein, die keine Erklärung braucht: ein Spaziergang, der Gang zum Bäcker, zehn Minuten im Gästezimmer.

Was du in diesen vier Schritten machst, ist eine Abwägung nach deinen eigenen Kriterien. Nicht die Frage, was man tut, sondern die Frage, was für dich tragbar ist.

Was im Moment hilft, wenn es trotzdem kippt

Auch mit guter Vorbereitung gibt es Momente, in denen es eng wird. Drei Dinge helfen dann zuverlässig.

Erstens: langsamer ausatmen als einatmen. Die Übersichtsarbeit von Andrea Zaccaro und Kolleginnen aus dem Jahr 2018 ordnet langsames Atmen mit verlängertem Ausatmen als beruhigend ein. Vier Zählzeiten ein, sechs Zählzeiten aus, sechsmal. Das fällt am Tisch niemandem auf.

Zweitens: den Raum wechseln. Geschirr in die Küche bringen, kurz nach draußen gehen, eine Runde mit dem Hund. Abstand ist schneller wirksam als jedes Argument.

Drittens: nicht im Affekt klären. Wenn du merkst, dass du laut oder scharf wirst, ist das der Moment für eine Pause, nicht für das klärende Gespräch. Was in einem hochgefahrenen Zustand gesagt wird, muss man oft doppelt reparieren. Wie du wieder herunterkommst, steht in Wut und wie du runterkommst.

Was eher nicht hilft

Den großen Klärungsversuch an den Feiertagen. Ein Konflikt, der seit Jahren besteht, löst sich nicht zwischen Nachtisch und Bescherung. Der Rahmen ist zu eng, alle sind angespannt und es hören zu viele zu.

Sich vornehmen, einfach nichts an sich heranzulassen. Gefühle lassen sich nicht abstellen. Der Versuch kostet Kraft und endet oft in einem lauteren Ausbruch als vorher.

Alles allein tragen, um den Frieden zu retten. Wer den ganzen Tag ausgleicht, vermittelt und zusätzlich kocht, geht mit einem leeren Tank nach Hause. Die Aufgabe, das Fest zu retten, gehört nicht einer Person.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Ob du hinfährst, wie lange du bleibst und was du mitmachst, ist keine Frage von richtig oder falsch. Es ist eine Abwägung nach deinen Kriterien. Werkzeug Nr. 2 „Schwierige Entscheidungen treffen" macht die Optionen sichtbar und hilft dir, sie ruhig gegeneinanderzustellen, bevor die Feiertage da sind.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Wie überstehe ich den Familienbesuch an Weihnachten ohne Streit?

Entscheide vorher, welche Themen du mitgehst und welche du stehen lässt, und formuliere dafür feste Wenn-Dann-Sätze. Lege außerdem Ankunft, Abreise und eine Pause fest. Streit entsteht meist dort, wo im Moment improvisiert werden muss.

Darf ich einen Familienbesuch an den Feiertagen absagen?

Ja. Ein kurzer, freundlicher Satz reicht, eine lange Begründung ist nicht nötig. Absagen fühlt sich unangenehmer an, als es beim Gegenüber ankommt. Ein kürzerer Besuch ist oft der gute Mittelweg.

Warum werde ich bei meinen Eltern wieder wie ein Kind?

Weil alte Rollen an vertrauten Orten schnell wieder greifen. Das passiert allen Beteiligten gleichzeitig. Hilfreich ist, es innerlich zu benennen, sobald du es bemerkst, und den Raum kurz zu wechseln.

Was mache ich, wenn jemand immer wieder dieselbe Bemerkung macht?

Leg dir einen Satz zurecht, den du ruhig wiederholen kannst, ohne zu diskutieren. Zum Beispiel: „Darüber möchte ich heute nicht sprechen." Danach wechselst du das Thema. Wiederholung wirkt hier besser als eine gute Erwiderung.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Gollwitzer, P. M. & Sheeran, P. (2006). Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69-119.
  • Lieberman, M. D. et al. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421-428.
  • Bohns, V. K. (2016). (Mis)Understanding our influence over others. Current Directions in Psychological Science, 25(2), 119-123.
  • Zaccaro, A. et al. (2018). How breath-control can change your life. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353.

Themen: Familienbesuch Feiertage Stress · Weihnachten Familie anstrengend · Konflikte an Feiertagen · Besuch überstehen