Es ist Viertel nach eins, du liegst wach und die gleiche Szene läuft zum vierten Mal. Der Satz im Meeting, das Gesicht dazu, was du hättest sagen sollen. Du sagst dir, dass du jetzt aufhören sollst. Zwei Minuten Ruhe. Dann fängt es von vorn an.
Irgendwann kommt der Ärger über den Ärger dazu: Warum kriege ich das nicht aus dem Kopf? Und damit hast du nicht ein Problem, sondern zwei.
Was ist die Gedankenstopp-Technik?
Die Idee ist alt und sie klingt bestechend einfach. Sobald du merkst, dass ein unerwünschter Gedanke anläuft, unterbrichst du ihn hart: innerlich oder laut „Stopp" sagen, manchmal verbunden mit einem körperlichen Signal wie einem Klatschen oder einem Gummiband am Handgelenk. Danach soll etwas Angenehmes an die Stelle treten.
In dieser reinen Form wird die Technik heute kaum noch empfohlen. Der Grund liegt nicht daran, dass Menschen sie falsch anwenden. Er liegt in der Sache selbst.
Was die Forschung zeigt
Daniel Wegner und Kolleginnen legten 1987 den bis heute bekanntesten Befund dazu vor. Menschen, die angewiesen wurden, nicht an einen weißen Bären zu denken, dachten häufiger an ihn, besonders nachdem die Anweisung aufgehoben war. Das Unterdrücken erzeugt also einen Rückschlag. Der Grund ist plausibel: Um zu prüfen, ob du gerade nicht an etwas denkst, musst du das Thema im Hintergrund präsent halten. Die Kontrolle ruft den Gedanken immer wieder auf.
Dazu kommt, was Susan Nolen-Hoeksema, Blair Wisco und Sonja Lyubomirsky 2008 zusammentrugen: Grübeln verlängert eine gedrückte Stimmung und löst die Probleme nicht, um die es kreist. Die Schleife fühlt sich wie Nachdenken an, produziert aber keine Ergebnisse. Der Unterschied zwischen beidem steht ausführlich in Grübeln oder nachdenken.
Aus beidem folgt eine unbequeme, aber nützliche Erkenntnis. Der Ausweg ist nicht weniger denken. Der Ausweg ist, dem Denken eine andere Richtung zu geben. Ein hilfreicher Vorläufer dafür stammt von Thomas Borkovec und Kolleginnen, die 1983 beschrieben, wie sich Sorgen auf einen festen Zeitraum am Tag bündeln lassen, statt sie über den ganzen Tag zu verteilen. Der Gedanke wird nicht verboten, er bekommt einen Termin.
Der Gedankenstopp als Weiche: Anleitung in vier Schritten
Die folgende Version behält das Unterbrechen bei, ersetzt aber das Wegdrücken durch eine Entscheidung. Sie dauert im Alltag ein bis zwei Minuten.
1. Bemerken und benennen
Der eigentliche Stopp ist das Bemerken. Sag innerlich einen kurzen Satz, der beschreibt statt bewertet: „Ich bin gerade in der Schleife." Nicht „hör auf damit". Diese Unterscheidung ist klein und macht den Unterschied zwischen Unterdrücken und Wahrnehmen.
2. Aufstehen und den Ort wechseln
Geh ans Fenster, in einen anderen Raum, hol ein Glas Wasser. Eine Schleife hängt oft an einer Haltung und einem Ort. Wer sitzen bleibt, bleibt meist auch gedanklich sitzen. Wenn du nachts im Bett liegst, reicht es, sich aufzusetzen und das Licht anzumachen.
3. Die eine Frage stellen
Frag dich: Kann ich an dieser Sache etwas verändern? Ja oder nein. Keine dritte Antwort.
Bei Ja legst du sofort den kleinsten nächsten Schritt fest, mit Zeitpunkt: „Morgen um neun schreibe ich Frau Berg zwei Zeilen." Nicht die Lösung, nur der nächste Schritt. Ein festgelegter Plan beruhigt den Kopf oft schon, bevor irgendetwas erledigt ist.
Bei Nein parkst du die Sache. Schreib sie in einem Satz auf und leg fest, wann du dir Zeit dafür nimmst, etwa morgen von 18 bis 18.20 Uhr. Wie diese Sorgenzeit genau funktioniert, steht in Sorgenzeit.
4. Die Aufmerksamkeit auf etwas legen, das Konzentration verlangt
Jetzt kommt die Umlenkung. Sie funktioniert nur, wenn das Neue anspruchsvoll genug ist. Eine Serie nebenbei reicht nicht, die Schleife läuft darunter weiter. Gut geeignet: rückwärts in Siebenerschritten von 300 zählen, einen Text laut lesen, etwas mit den Händen tun, spazieren gehen. Wenn der Gedanke zurückkommt, und das tut er, gehst du ohne Ärger wieder zu Schritt eins.
Was eher nicht hilft
Der Gummiband-Schnipser am Handgelenk. Er erzeugt einen Schmerzreiz und koppelt ihn an das Thema. Das macht den Gedanken meist nicht leiser, sondern unangenehmer.
Sich vornehmen, nicht mehr daran zu denken. Genau das ist die Anweisung aus Wegners Untersuchung. Das Ergebnis ist bekannt.
Positiv denken als Ersatz. Einen Gedanken durch einen schöneren zu übermalen hält selten stand, wenn die Sache ungeklärt ist. Die Weiche zwischen veränderbar und nicht veränderbar hält stand.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Genau diese Weiche ist Werkzeug Nr. 3 „Gedankenkreisen": prüfen, ob sich etwas verändern lässt, dann entweder einen Schritt festlegen oder die Sache in die Sorgenzeit parken. In Klarstern führt dich die App durch die Frage, auch um halb zwei nachts, wenn du sie dir selbst gerade nicht stellen kannst.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.