Grübeln oder Nachdenken: Woran du den Unterschied erkennst

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 4 Min. Lesezeit

Illustration: Eine kreisende Spirale neben einer geraden Linie mit Endpunkt

Du liegst im Bett und gehst noch einmal durch, was dein Kollege heute Nachmittag gesagt hat. Warum hat er es so formuliert. Ob es gegen dich ging. Was das über die letzten Wochen sagt. Eine Viertelstunde später bist du an genau derselben Stelle wie am Anfang, nur wacher.

Am nächsten Morgen fällt dir auf: Das war kein Nachdenken. Nachdenken hätte irgendwann etwas ergeben. Das hier hat sich nur wiederholt.

Was ist der Unterschied zwischen Grübeln und Nachdenken?

Beides fühlt sich von innen ähnlich an. Man ist beschäftigt, konzentriert, angestrengt. Von außen sind es zwei verschiedene Vorgänge.

Nachdenken hat ein Ziel. Es fragt: Was ist hier los, welche Möglichkeiten habe ich, was mache ich als Nächstes. Es arbeitet sich an einem Problem entlang und kommt an einen Punkt, an dem etwas entschieden oder zumindest geklärt ist. Danach hört es auf.

Grübeln hat kein Ziel. Es fragt: Warum ist das so, warum bin ich so, warum passiert mir das immer. Es sortiert dieselben Bausteine neu, ohne etwas hinzuzufügen. Und es endet nicht von selbst, weil es keinen Zielzustand gibt, an dem es merken könnte, dass es fertig ist.

Der wichtigste Unterschied ist damit die Richtung. Nachdenken zeigt nach vorn, auf eine Handlung. Grübeln zeigt zurück oder in eine Befürchtung, die nicht überprüfbar ist.

Was die Forschung über Grübeln zeigt

Susan Nolen-Hoeksema fasste 2008 gemeinsam mit Blair Wisco und Sonja Lyubomirsky den Forschungsstand zusammen. Ihr zentraler Befund ist unbequem: Grübeln verlängert gedrückte Stimmung und löst die Probleme nicht, um die es kreist. Menschen, die viel grübeln, fühlen sich hinterher schlechter und finden schlechtere Lösungen als vorher. Das Gefühl, man arbeite an etwas, trügt.

Ein zweiter Befund erklärt, warum die naheliegende Gegenmaßnahme nicht funktioniert. Daniel Wegner und Kolleginnen zeigten bereits 1987, dass der Versuch, einen Gedanken wegzudrücken, ihn im Mittel häufiger zurückkommen lässt. „Jetzt denk nicht mehr daran" ist also keine Anweisung, die der Kopf ausführen kann.

Was stattdessen wirkt, ist eine Umleitung. Thomas Borkovec und Kolleginnen entwickelten 1983 das Prinzip der Sorgenzeit: Der Gedanke wird nicht verboten, sondern auf einen festen Termin verschoben. Und Gregory Bratman und Kolleginnen fanden 2015, dass ein Spaziergang in der Natur das Grübeln senkt. Beides sind Wechsel, kein Kampf.

Der Drei-Minuten-Test: Anleitung in vier Schritten

1. Den Gedanken in einem Satz aufschreiben

Solange etwas nur im Kopf kreist, bleibt es unscharf. Schreib in einem Satz auf, worum es gerade geht: „Ich denke darüber nach, ob meine Chefin die Präsentation schlecht fand." Ein Satz, keine Seite.

2. Die Frage stellen: Kann ich daran etwas ändern?

Das ist die Weiche. Gibt es eine Handlung, die in deiner Reichweite liegt? Eine Nachfrage, ein Gespräch, eine Entscheidung, eine Vorbereitung? Antworte mit Ja oder Nein, ohne lange abzuwägen. Die erste ehrliche Antwort stimmt meistens.

3. Bei Ja: einen einzigen Schritt festlegen

Nicht den ganzen Plan. Den nächsten Schritt, mit Zeitpunkt: „Morgen nach dem Team-Termin frage ich sie, was sie von der Präsentation hielt." Damit wird aus einem kreisenden Gedanken eine Aufgabe und Aufgaben hören auf zu kreisen, sobald sie terminiert sind.

4. Bei Nein: parken statt wegdrücken

Manches ist nicht veränderbar. Eine Entscheidung liegt bei jemand anderem, eine Sache ist vorbei, ein Ergebnis kommt erst nächste Woche. Dann schreibst du den Satz auf einen festen Zettel und legst einen Termin fest, an dem du dich damit befasst, etwa morgen um achtzehn Uhr für fünfzehn Minuten. Wie diese Sorgenzeit im Alltag funktioniert, steht ausführlich in Sorgenzeit.

Wenn du nach diesen vier Schritten merkst, dass der Gedanke trotzdem zurückkommt, ist das normal. Wiederhol dann nicht die Analyse, sondern den Verweis: „Dafür habe ich einen Termin." Und geh in Bewegung. Zwanzig Minuten draußen wirken hier zuverlässiger als zwanzig weitere Minuten Denken.

Was eher nicht hilft

Noch einmal von vorn durchgehen. Der Durchgang, der die Lösung bringt, ist fast nie der fünfte. Wenn zwei Durchgänge nichts Neues ergeben haben, wird der dritte es auch nicht.

Sich vornehmen, nicht mehr daran zu denken. Das Wegdrücken macht den Gedanken laut. Ein Termin für ihn macht ihn leise.

Nach einer letzten Gewissheit suchen. Viele Grübelschleifen laufen, weil sie eine Sicherheit erzwingen wollen, die es nicht gibt. Die Frage ist dann nicht, was stimmt, sondern was du ohne diese Sicherheit als Nächstes tust.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Die Frage „Kann ich daran etwas ändern?" ist die Weiche aus Werkzeug Nr. 3 „Gedankenkreisen". In Klarstern führt sie dich automatisch weiter: bei Ja zu einem konkreten Schritt, bei Nein in die Sorgenzeit. Beides dauert wenige Minuten und beendet den Durchgang, der sonst noch fünfmal käme.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Woran erkenne ich, dass ich grüble und nicht nachdenke?

An drei Zeichen: Du wiederholst dieselben Inhalte, du fragst vor allem nach dem Warum und du kommst keinem Ergebnis näher. Nachdenken bewegt sich auf eine Entscheidung zu und endet. Grübeln bleibt an derselben Stelle stehen.

Ist Grübeln immer schädlich?

Kurzes Kreisen vor einer wichtigen Entscheidung ist normal. Kritisch wird es, wenn es regelmäßig lange läuft, die Stimmung drückt und den Schlaf stört. Die Forschung zeigt, dass anhaltendes Grübeln gedrückte Stimmung verlängert, statt Probleme zu lösen.

Wie stoppe ich eine Grübelschleife abends im Bett?

Schreib den Gedanken in einem Satz auf einen Zettel neben dem Bett und ergänze einen Zeitpunkt für morgen. Damit muss dein Kopf ihn nicht mehr festhalten. Mehr Möglichkeiten für den Abend stehen in Gedankenkreisen stoppen.

Was tun, wenn sich an der Sache wirklich nichts ändern lässt?

Dann ist Parken der richtige Weg, nicht weiteres Durchdenken. Feste Sorgenzeit, danach bewusst etwas anderes tun, am besten in Bewegung und draußen. Mehr dazu in Kopf frei bekommen.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Nolen-Hoeksema, S., Wisco, B. E. & Lyubomirsky, S. (2008). Rethinking rumination. Perspectives on Psychological Science, 3(5), 400-424.
  • Wegner, D. M. et al. (1987). Paradoxical effects of thought suppression. Journal of Personality and Social Psychology, 53(1), 5-13.
  • Borkovec, T. D. et al. (1983). Stimulus control applications to the treatment of worry. Behaviour Research and Therapy, 21(3), 247-251.
  • Bratman, G. N. et al. (2015). Nature experience reduces rumination. PNAS, 112(28), 8567-8572.

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