Du sitzt im Auto vor dem Bürogebäude und weißt, dass in acht Minuten das Gespräch beginnt. Dein Brustkorb fühlt sich eng an, die Hände sind feucht, der Atem geht schnell und flach, ohne dass du etwas dafür tust.
Du kannst in diesem Moment nichts an dem Gespräch ändern. Aber es gibt eine Stellschraube, an die du immer herankommst, weil sie mitfährt: die Art, wie du atmest. Der Atem ist der einzige Teil dieser Anspannungsreaktion, den du bewusst steuern kannst.
Warum wirkt langsames Atmen auf die Anspannung?
Wenn der Körper in Alarm geht, verändert sich der Atem als eines der ersten Dinge. Er wird schneller, flacher und wandert nach oben in den Brustkorb. Das ist sinnvoll, wenn gleich etwas Körperliches passiert, und unpassend, wenn man auf einem Bürostuhl sitzt.
Andrea Zaccaro und Kolleginnen fassten 2018 die Forschung zu langsamem Atmen zusammen. Ihr Ergebnis: Langsames Atmen, besonders mit verlängerter Ausatmung, geht mit Zeichen von mehr Ruhe einher, sowohl im Körper als auch im Erleben. Die Ausatmung ist dabei der entscheidende Teil, nicht die Menge Luft. Gleichzeitig ist die Forschungslage uneinheitlich, die Untersuchungen sind oft klein und die Wirkung fällt von Mensch zu Mensch verschieden aus. Eine Atemübung ist ein Werkzeug für den Moment. Sie verändert nicht, was dich belastet.
Der zweite Teil ist genauso wichtig. Matthew Lieberman und Kolleginnen zeigten 2007, dass allein das Benennen eines Gefühls dessen Aktivierung im Gehirn dämpft. Deshalb ist die Reihenfolge sinnvoll, die auch Werkzeug Nr. 5 vorgibt: erst im Körper ankommen, dann in Worte fassen, was eigentlich los ist. Mehr darüber, wie sich anhaltende innere Unruhe einordnen lässt, steht in Innere Unruhe.
Die 4-6-Atmung: Anleitung in fünf Schritten
Du brauchst nichts außer zwei Minuten. Die Übung funktioniert im Sitzen, im Stehen und in fast jeder Situation, in der niemand etwas merken muss.
1. Hinsetzen und die Füße spüren
Setz dich mit beiden Füßen flach auf den Boden und lehn dich an. Leg eine Hand auf den Bauch, wenn das möglich ist. Die Hand ist die Rückmeldung: Sie soll sich beim Einatmen leicht heben, die Schultern bleiben ruhig.
2. Zweimal normal ausatmen
Bevor du zählst, lässt du zweimal die Luft einfach heraus, ohne etwas zu steuern. Das nimmt den Impuls, erst einmal besonders tief Luft zu holen, der die Übung in den meisten Fällen schwerer macht.
3. Vier Zählzeiten ein, sechs Zählzeiten aus
Atme durch die Nase ein und zähl dabei langsam bis vier. Dann atme durch den leicht geöffneten Mund oder durch die Nase aus und zähl bis sechs. Atme dabei nur so tief, wie es sich mühelos anfühlt. Die Übung wirkt nicht über die Menge Luft, sondern über das Tempo und alles, was sich nach Anstrengung anfühlt, ist zu viel.
Wenn sechs Zählzeiten zu lang sind, nimm vier und fünf. Entscheidend ist allein, dass das Ausatmen länger dauert als das Einatmen.
4. Zwei Minuten dabei bleiben
Das sind etwa zehn bis zwölf Atemzüge. Weniger als eine Minute ist meist zu kurz, um einen Unterschied zu bemerken. Wenn die Gedanken abwandern, ist das normal: Du kehrst einfach beim nächsten Einatmen zum Zählen zurück, ohne das zu bewerten.
5. Einen Satz sagen, was gerade los ist
Zum Schluss benennst du innerlich oder halblaut, was da ist: „Ich bin angespannt vor diesem Gespräch." „Ich habe Angst, dass ich den Faden verliere." Dieser Satz ist kein Anhängsel, sondern der Schritt, der die Ruhe aus dem Körper mit dem Kopf verbindet.
Eine Vorsichtsbemerkung, die dazugehört: Manchen Menschen wird beim bewussten Atmen schwindelig oder flau, meist weil sie zu tief oder zu schnell atmen. Wenn das passiert, hör auf zu zählen, atme normal weiter und probier es später mit kürzeren Zählzeiten und deutlich weniger Luft. Bei Erkrankungen der Lunge oder des Herzens besprich Atemübungen vorher ärztlich.
Was ist mit der 4-7-8-Atmung?
Diese bekannte Variante arbeitet mit vier Zählzeiten Einatmen, sieben Zählzeiten Luft anhalten und acht Zählzeiten Ausatmen. Sie folgt demselben Prinzip des verlängerten Ausatmens.
Ehrlich gesagt gibt es keinen Beleg dafür, dass genau diese Zahlenfolge besser wirkt als andere langsame Rhythmen. Das Anhalten der Luft macht die Übung für viele Menschen anstrengender und für manche unangenehm, besonders bei Anspannung. Wenn du sie ausprobieren möchtest, beginn im ruhigen Zustand und nicht im Ernstfall. Für den Alltag ist ein einfaches Verhältnis ohne Pause meist der verlässlichere Weg.
Was eher nicht hilft
Tief durchatmen als Kommando. Ein einzelner tiefer Atemzug bringt wenig und verstärkt bei manchen das Engegefühl. Langsam schlägt tief.
Die Übung nur im Ausnahmezustand einsetzen. Wer sie zum ersten Mal in großer Anspannung probiert, erlebt selten etwas. Übe sie an ruhigen Tagen zweimal kurz, dann ist sie im Ernstfall verfügbar.
Erwarten, dass die Unruhe verschwindet. Das Ziel ist ein Absenken der Anspannung um ein paar Grade, nicht Stille. Wer auf null wartet, wird die Übung als Misserfolg erleben.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Werkzeug Nr. 5 „Innere Unruhe und Angst" beginnt genau so: erst im Körper ankommen, dann trennen, was Auslöser, was Befürchtung und was Verhalten ist. In Klarstern führt dich die App durch beide Teile, auch wenn der Kopf gerade zu schnell ist, um das allein zu sortieren.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.