Wichtig vorab: Dieser Artikel ist für alltägliche Unruhe, Sorgen und Anspannung gedacht. Wenn du regelmäßig starke Ängste oder Panikattacken erlebst, wenn die Unruhe neu und ungewohnt stark ist oder mit körperlichen Beschwerden einhergeht, lass das bitte ärztlich abklären. Was du erlebst, verdient mehr als einen Artikel.
Wenn eigentlich nichts ist und trotzdem alles unruhig
Ich kenne diesen Zustand selbst gut. Ich erinnere mich an einen Nachmittag nach der Arbeit. Es lief eigentlich alles gut, nichts war passiert, nichts stand an. Trotzdem war da diese Leere und gleichzeitig eine Unruhe. Eine diffuse Angst, die von einem Thema zum nächsten sprang: erst eine offene Rechnung, dann ein Gespräch von letzter Woche, dann irgendwelche Zukunftsszenarien. Mein Kopf wusste jedes Mal, dass es objektiv keinen Grund zur Sorge gab. Geholfen hat das nichts.
Später habe ich für diese Art von Anspannung ein Bild gefunden. Sie ist wie Nebel in einem Raum. Der Nebel kondensiert irgendwo, an einer Wand, an einem Fenster, an einer Stelle, die gerade etwas kühler ist. Aber das Problem ist nicht die Stelle. Das Problem ist der Nebel.
Solange man nur auf die Stelle schaut, also auf das Thema, an dem sich die Sorge gerade festhält, kommt man nicht weiter. Löst man es, springt die Unruhe zum nächsten.
Warum Beruhigen allein oft nicht reicht
Wer innerlich unruhig ist, tut meist etwas, um das Gefühl loszuwerden: googeln, kontrollieren, nachfragen, vermeiden. Das bringt kurz Erleichterung. Die Psychologie weiß aber seit Langem, dass genau diese Rückversicherungen die Unruhe oft am Laufen halten. Der britische Psychologe Paul Salkovskis hat das schon 1991 beschrieben: Wer sich immer wieder absichert, lernt nie, dass es auch ohne Absicherung gut gegangen wäre.
Deshalb beginnt der folgende Weg nicht mit Beruhigung, sondern mit Ehrlichkeit.
In sechs Schritten zurück zu Boden unter den Füßen
Schritt 1: Die Unruhe sichtbar machen
Schreib auf, was gerade da ist. Wovor habe ich Angst, konkret oder diffus? Wo spüre ich es im Körper: Enge im Brustkorb, flacher Atem, Druck im Bauch, Anspannung in den Schultern, Unruhe in den Beinen? Was vermeide oder kontrolliere ich gerade?
Dann trag deine Unruhe als Abfolge in drei Felder ein:
- Auslöser: Was hat sie aktiviert? Ein Gespräch, eine Nachricht, ein Gedanke. Oder: „Seit längerem da, ohne klaren Anlass." Auch das ist eine Antwort.
- Befürchtung: Was befürchtest du konkret?
- Verhalten: Was machst du dann typischerweise? Googeln, kontrollieren, dich zurückziehen?

Wenn du diese Abfolge siehst, wird etwas klarer: Die Unruhe ist kein Fakt über die Welt. Sie ist ein Muster, das in dir abläuft. Und ein Muster lässt sich anders gestalten.
Dass allein das Benennen schon wirkt, zeigt die Forschung zum Benennen von Gefühlen.
Schritt 2: Botschaft oder Nebel?
Lass diese Fragen einen Moment wirken:
- Wovor möchte mich meine Unruhe gerade schützen?
- Welche Unsicherheit fällt mir gerade besonders schwer auszuhalten?
- Geht es wirklich um diese Sache, oder ist meine Anspannung insgesamt hoch und hat sich nur hier niedergelassen?
Dann entscheide, was eher passt:
- Botschaft: Die Unruhe hängt an einem konkreten Thema, das ich benennen kann. Da ist eine echte Sorge.
- Nebel: Ich bin allgemein angespannt und die Unruhe hat sich nur an etwas aufgehängt.
- Beides: ein echtes Thema, das durch allgemeine Anspannung größer wirkt.
Du musst dich nicht eindeutig festlegen. Die nächsten Schritte arbeiten an beidem.
Schritt 3: Gefühl und Tatsache auseinanderhalten
Sorgen fühlen sich oft wie Fakten an. Schreib den Satz zu Ende: Ich habe gerade Angst davor, dass … Dann markiere auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent, wie sicher es sich gerade anfühlt, dass es eintritt.
Jetzt drei Fragen: Was spricht dafür? Was spricht dagegen? Und wenn es tatsächlich einträte, wie würde ich damit umgehen?
Markiere danach noch einmal, wie sicher es sich jetzt anfühlt. Das Ziel ist nicht, dir einzureden, dass garantiert nichts passiert. Das Ziel ist mehr Abstand zwischen Gefühl und Tatsache.
Schritt 4: Was liegt in deiner Hand?
Zeichne drei Ringe ineinander.
- Innen, kontrollieren: deine Handlungen, Reaktionen und Entscheidungen.
- Mitte, beeinflussen: andere Menschen und manche Situationen. Du kannst einwirken, aber nicht steuern.
- Außen, außerhalb deiner Kontrolle: was andere fühlen, die Zukunft, die Vergangenheit, das Wetter, das Wirtschaftsklima.

Trag deine Sorge oder ihre einzelnen Teile ein. Für alles im inneren Ring notierst du einen kleinen Schritt. Für alles im äußeren Ring fragst du dich, was dir hilft, damit Frieden zu schließen. Frieden schließen heißt nicht: „Es ist okay." Es heißt: „Ich kann das nicht ändern. Ich höre auf, dagegen anzukämpfen."
Die Idee ist alt. Schon der Philosoph Epiktet unterschied vor fast zweitausend Jahren zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht.
Schritt 5: Sicherheit im Hier und Jetzt
Jetzt bekommt dein Körper, was er braucht: die Erfahrung, dass gerade nichts Bedrohliches passiert. Wähle eine Möglichkeit:
- Fünf Dinge, die gerade sicher sind: Schreib auf, was jetzt einfach wahr ist. Ich sitze auf meinem Sofa. Ich bin zuhause. Gerade passiert nichts Akutes.
- Boden unter den Füßen: Drück beide Füße in den Boden. Spür dein Gewicht. Bleib dreißig Sekunden so und atme langsam aus.
- Länger ausatmen: Vier Sekunden ein, sechs Sekunden aus, fünfmal. Eine Studie der Stanford University fand 2023, dass kurze tägliche Atemübungen mit betontem Ausatmen die Stimmung verbessern und die Atemfrequenz in Ruhe senken.
Schritt 6: Ein Schritt zurück ins Leben
Das Ziel war nicht, die Unruhe zu vertreiben. Das gelingt selten direkt. Das Ziel war, wieder handlungsfähig zu werden, auch wenn sie noch da ist.
Frag dich: Was war heute trotz allem auch da? Hast du irgendwann gelacht? Bist du einem Menschen gern begegnet? Dann wähle einen kleinen Schritt Richtung Leben und mach daraus einen Wenn-Dann-Satz: Wenn die Unruhe heute Abend wiederkommt, dann mache ich die Atemübung, statt zu googeln. Warum solche Sätze wirken, steht in Wenn-Dann-Pläne.
Wenn es gerade sehr schwer ist
Du musst das nicht allein tragen. Die TelefonSeelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Den ärztlichen Bereitschaftsdienst erreichst du unter 116 117, im Notfall wähl die 112.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Die sechs Schritte sind eine Kurzfassung von Werkzeug Nr. 5 „Innere Unruhe und Angst". In Klarstern führt es dich Frage für Frage durch, mit den drei Feldern, der Frage „Botschaft oder Nebel?" und den Kontroll-Ringen.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.