Progressive Muskelentspannung: Anleitung für den Abend

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 5 Min. Lesezeit

Illustration: Eine liegende Gestalt auf einer Matte, darüber ruhige Punkte

Es ist kurz nach elf. Du liegst im Bett, der Tag ist vorbei und trotzdem ist etwas in dir noch auf Betrieb. Die Schultern sitzen hoch, der Kiefer ist zu, die Hände sind nicht wirklich offen. Du merkst das erst, wenn du kurz hinschaust.

Dein Kopf sagt Feierabend, dein Körper hat die Nachricht nicht bekommen. Für genau diese Lücke gibt es eine Übung, die schon sehr lange in Gebrauch ist und die man ohne Vorkenntnisse lernen kann.

Was ist progressive Muskelentspannung?

Progressive Muskelentspannung, oft mit PMR abgekürzt, geht auf den amerikanischen Arzt Edmund Jacobson zurück. Sein Gedanke war einfach: Anspannung im Körper und Unruhe im Kopf gehören zusammen. Wer lernt, den Körper gezielt loszulassen, kommt auch innerlich leichter herunter.

Die Übung läuft immer nach demselben Muster. Du spannst eine Muskelgruppe für einige Sekunden an, nicht mit voller Kraft, sondern deutlich spürbar. Dann lässt du los und bleibst für etwa zwanzig bis dreißig Sekunden bei dem, was sich danach verändert. Dann kommt die nächste Gruppe. Das Anspannen ist dabei nicht das Ziel. Es ist nur der Anlauf, damit das Loslassen überhaupt auffällt.

Der zweite, oft übersehene Teil ist das Wahrnehmen. Viele Menschen merken gar nicht mehr, wie viel Spannung sie den Tag über halten. Die Übung macht diesen Unterschied wieder sichtbar und das allein verändert schon etwas.

Was die Forschung dazu zeigt

Hier gehört Ehrlichkeit dazu: Zur progressiven Muskelentspannung selbst gibt es Untersuchungen, aber die Befundlage ist uneinheitlich und viele Studien sind klein. Wer dir eine feste Prozentzahl verspricht, hat sie wahrscheinlich erfunden.

Gut belegt sind dagegen zwei Dinge in der Nachbarschaft. Erstens wirkt langsames Atmen mit betontem Ausatmen beruhigend. Andrea Zaccaro und Kolleginnen fassten 2018 zusammen, wie eng langsame Atmung mit Ruhe im Nervensystem zusammenhängt. Da Atmen in fast jeder PMR-Anleitung mitläuft, ist das kein Nebenschauplatz. Mehr dazu steht in der Atemübung für zwischendurch.

Zweitens weiß man, was im Bett wach hält. Allison Harvey beschrieb 2002 in einem Modell zur Schlaflosigkeit, dass vor allem die gedankliche Aktivierung im Bett den Schlaf verzögert: Planen, Prüfen, Sich-Sorgen. Eine Übung, die deine Aufmerksamkeit für zehn Minuten in den Körper holt, arbeitet genau gegen diese Aktivierung. Das ist der plausibelste Grund, warum viele die Übung abends hilfreich finden. Wenn dich das Thema Einschlafen grundsätzlich beschäftigt, lies Nicht einschlafen können.

Die Kurzform in sieben Schritten

Nimm dir zehn Minuten. Du kannst liegen oder aufrecht sitzen. Spann jede Gruppe etwa fünf Sekunden an, etwa auf halber Kraft, und lass dann für etwa zwanzig bis dreißig Sekunden los. Atme ruhig weiter, halt die Luft nicht an.

1. Hände und Unterarme

Mach beide Hände zu lockeren Fäusten. Spüre die Spannung in Handflächen und Unterarmen. Dann öffne die Hände und lass sie schwer werden.

2. Oberarme

Zieh die Unterarme leicht an, sodass die Oberarme fest werden. Halten. Loslassen und die Arme einfach liegen lassen.

3. Gesicht

Zieh die Augenbrauen hoch, kneif die Augen leicht zusammen und press die Lippen locker aufeinander. Das ist die Stelle, an der viele am meisten halten. Loslassen und den Kiefer ein wenig auseinandergehen lassen.

4. Nacken und Schultern

Zieh die Schultern in Richtung Ohren. Nur so weit, wie es angenehm bleibt. Halten. Dann fallen lassen und den Abstand zwischen Ohren und Schultern wachsen lassen.

5. Rumpf

Atme ein und spann Bauch und Rücken leicht an, als würdest du dich auf einen sanften Stoß vorbereiten. Halten. Mit dem Ausatmen loslassen.

6. Oberschenkel und Gesäß

Press die Beine leicht gegeneinander und spann die Oberschenkel an. Halten. Loslassen und das Gewicht der Beine spüren.

7. Unterschenkel und Füße

Zieh die Fußspitzen in Richtung Knie. Nicht mit voller Kraft, Waden krampfen schnell. Halten. Loslassen.

Zum Abschluss bleib eine halbe Minute liegen und geh im Kopf einmal von oben nach unten durch: Wo ist es jetzt anders als vorher? Wenn du danach weiterschlafen willst, steh nicht mehr auf. Wenn du danach weitermachst, streck dich kurz.

Worauf du achten solltest

Spann nie mit voller Kraft an. Die Übung lebt vom Kontrast, nicht von Anstrengung. Ein Drittel bis die Hälfte deiner Kraft reicht vollkommen.

Bei Schmerzen, einer frischen Verletzung, einer Entzündung oder nach einer Operation lässt du die betroffene Stelle aus oder spannst dort nur minimal an. Das gilt auch für Bereiche, in denen du muskuläre Beschwerden hast. Wenn du unsicher bist, ob die Übung für dich passt, etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder in der Schwangerschaft, frag kurz in deiner Hausarztpraxis nach.

Und noch etwas: Bei manchen Menschen führt das bewusste Hineinspüren zunächst zu mehr Unruhe statt weniger. Das ist nicht ungewöhnlich. Dann hilft es oft, mit offenen Augen zu üben, nur drei Muskelgruppen zu nehmen oder erst einmal mit einer Atemübung zu beginnen.

Was eher nicht hilft

Die Übung nur dann machen, wenn es schon brennt. Im Ausnahmezustand fällt jede neue Übung schwer. Wer sie an ruhigen Abenden ein paar Mal geübt hat, kann sie in unruhigen abrufen.

Eine lange Audiodatei suchen und nie starten. Die Kurzform braucht keine Anleitung von außen. Zehn Minuten und diese sieben Gruppen genügen.

Erwarten, dass der Kopf still wird. Gedanken kommen weiter. Das ist kein Fehler. Du bringst die Aufmerksamkeit jedes Mal freundlich zurück zur nächsten Muskelgruppe.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Genau diese Reihenfolge steckt in Werkzeug Nr. 5 „Innere Unruhe und Angst": erst im Körper ankommen, dann sortieren, was eigentlich los ist. Die Muskelentspannung ist der erste Teil davon, die Trennung von Auslöser, Befürchtung und Verhalten der zweite. In Klarstern führt dich die App ruhig durch beide Schritte.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Wie lange dauert progressive Muskelentspannung?

Die klassische Langform mit rund sechzehn Muskelgruppen dauert zwanzig bis dreißig Minuten. Für den Alltag reicht eine Kurzform mit sieben Gruppen in etwa zehn Minuten. Wichtiger als die Länge ist, dass du nach dem Anspannen lange genug beim Loslassen bleibst.

Wann ist der beste Zeitpunkt für die Übung?

Abends vor dem Schlafen ist beliebt, weil die Übung die Aufmerksamkeit aus dem Denken in den Körper holt. Sie funktioniert aber auch mittags oder vor einem Termin, der dich beschäftigt. Feste Zeiten machen es leichter, dranzubleiben.

Was mache ich, wenn ich dabei einschlafe?

Wenn du die Übung abends im Bett machst, ist Einschlafen kein Problem, sondern ein gutes Zeichen. Wenn du tagsüber wach bleiben willst, üb im Sitzen statt im Liegen und lass die Augen offen.

Hilft die Übung auch bei innerer Unruhe am Tag?

Sie kann den Körper herunterfahren und macht dadurch den Kopf oft zugänglicher. Die Ursache der Unruhe klärt sie nicht. Dafür lohnt es sich, danach Auslöser, Befürchtung und eigenes Verhalten zu trennen, wie es der Artikel über innere Unruhe beschreibt.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Zaccaro, A. et al. (2018). How breath-control can change your life. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353.
  • Harvey, A. G. (2002). A cognitive model of insomnia. Behaviour Research and Therapy, 40(8), 869-893.
  • Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). https://www.dgsm.de

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