Freitagnachmittag, das letzte Gespräch ist vorbei. Jemand fragt dich, wie es dir geht, und du merkst, dass dir keine Antwort einfällt. Nicht weil es dir schlecht geht. Sondern weil die Frage irgendwo ankommt, wo gerade nichts zurückkommt.
Am Wochenende schläfst du lange. Am Montag sitzt du wieder am Schreibtisch und der Zustand ist unverändert. Das ist der Moment, in dem viele zum ersten Mal ahnen, dass es nicht am Schlaf liegt.
Was unterscheidet emotionale Erschöpfung von Müdigkeit?
Müdigkeit hat eine klare Währung. Du hast etwas geleistet, du ruhst dich aus, es wird besser. Der Zusammenhang ist so verlässlich, dass wir ihn kaum bemerken.
Emotionale Erschöpfung folgt dieser Regel nicht. Sie entsteht dort, wo du über lange Zeit auf andere Menschen eingehst, dich auf ihre Stimmung einstellst, freundlich bleibst, wenn du es nicht bist, und deine eigene Reaktion zurückhältst. Das kostet etwas, das nicht in Stunden gemessen wird. Es füllt sich auch nicht über Nacht wieder auf.
Erkennbar ist sie meistens nicht am Traurigsein, sondern am Fehlen von Regung. Dinge, die dich früher geärgert haben, sind dir gleich. Dinge, die dich gefreut haben, ebenfalls. Dazu kommt oft ein sehr kurzer Geduldsfaden bei Kleinigkeiten, weil genau dafür nichts mehr übrig ist. Wo die Grenze zwischen dieser Erschöpfung und einem Ausgebranntsein verläuft, ordnet der Artikel Erschöpft oder ausgebrannt? genauer ein.
Was die Forschung zeigt
Ute Hülsheger und Kolleginnen und Kollegen untersuchten 2013 Beschäftigte in Berufen mit viel Kundenkontakt. Ihr Befund: Wer achtsamer arbeitete, berichtete weniger emotionale Erschöpfung. Interessant war der Weg dorthin. Der Zusammenhang lief darüber, wie die Beschäftigten mit Gefühlen umgingen. Wer nach außen etwas anderes zeigte, als er innerlich empfand, war stärker ausgelaugt.
Das passt zu dem, was Johannes Wendsche und Andrea Lohmann-Haislah 2017 in ihrer Metaanalyse zum gedanklichen Abschalten zusammentrugen. Wer nach der Arbeit schlechter loskommt, berichtet mehr Erschöpfung und weniger Wohlbefinden. Auch hier ist es kein Beweis für eine einfache Ursache. Aber zwei Linien zeigen in dieselbe Richtung: Es geht weniger um die Menge der Arbeit als darum, wie viel Abstand du davon bekommst.
Sabine Sonnentag und Charlotte Fritz beschrieben 2007 vier Erfahrungen, die Erholung ausmachen: gedankliches Abschalten, Entspannung, das Gefühl, selbst zu entscheiden, und etwas, das dich fordert, ohne Arbeit zu sein. Bei emotionaler Erschöpfung fehlen typischerweise die dritte und die vierte. Der Tag besteht aus Reagieren auf das, was andere brauchen.
Der Leerstellen-Check: Anleitung in vier Schritten
Diese Runde dauert etwa zwanzig Minuten. Sie löst nichts. Sie sorgt dafür, dass du weißt, worüber du eigentlich redest, wenn du „ausgelaugt" sagst.
1. Eine Woche nachzeichnen
Nimm die vergangenen sieben Tage und notier für jeden Tag zwei Zahlen: wie viele Stunden du mit Menschen zu tun hattest, die etwas von dir brauchten, und wie viele Stunden niemand etwas von dir wollte. Nicht schätzen, sondern durchgehen. Bei vielen fällt die zweite Spalte auf, weil sie fast leer ist.
2. Die Anlässe benennen
Such die drei Situationen der Woche heraus, nach denen du dich am leersten gefühlt hast. Schreib zu jeder einen Satz, was du dabei zurückgehalten hast. Ärger, Widerspruch, ein Nein, Traurigkeit. Gefühle zu benennen verändert etwas daran, wie stark sie dich beschäftigen, das zeigten Matthew Lieberman und Kolleginnen und Kollegen 2007.
3. Das Verhältnis prüfen, nicht die Menge
Geh die vier Erholungserfahrungen durch und frag für jede: Kam sie diese Woche vor? Bei den meisten fehlt nicht die Freizeit, sondern eine Erfahrung davon vollständig. Genau die zu ergänzen wirkt zuverlässiger, als insgesamt mehr Zeit freizuräumen. Für die kleinen Einheiten innerhalb des Arbeitstags lohnt sich der Artikel über Pausen, die wirklich etwas bringen.
4. Einen wiederkehrenden Zeitraum ohne Anforderung festlegen
Nicht groß, aber fest: zwei Stunden in der Woche, in denen niemand etwas von dir will und du nichts erledigen musst. Trag sie ein wie einen Termin. Das ist wenig und es klingt nach zu wenig. Es ist trotzdem der Teil, der bei emotionaler Erschöpfung am verlässlichsten fehlt.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Selbsthilfe hat hier eine klare Grenze und es ist wichtig, sie zu kennen. Sprich mit deiner Hausarztpraxis, wenn die Leere länger als zwei bis drei Wochen anhält und sich nicht bessert, wenn du deinen Alltag oder deine Arbeit nur noch mit Mühe schaffst, wenn Schlaf und Appetit sich deutlich verändert haben oder wenn körperliche Beschwerden dazukommen. Das ist der richtige erste Weg, auch weil sich dort abklären lässt, ob etwas anderes dahintersteckt.
Suche zeitnah Unterstützung, wenn dir nichts mehr Freude macht, wenn du dich zurückziehst oder wenn Gedanken kommen, dass alles keinen Sinn mehr hat. Die Hausarztpraxis kann weiterverweisen, außerhalb der Sprechzeiten hilft die Nummer 116117 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei der Suche nach Anlaufstellen. Welche Unterstützung wann passt und wie eine psychotherapeutische Behandlung überhaupt beginnt, ist ausführlich beschrieben unter Selbsthilfe oder Unterstützung?.
Es spricht nichts dagegen, früh zu fragen. Niemand muss einen bestimmten Erschöpfungsgrad erreichen, um einen Termin machen zu dürfen.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Für dieses Thema gibt es kein einzelnes Werkzeug, weil emotionale Erschöpfung nicht in einer Sitzung sortiert ist. Was Klarstern dir abnehmen kann, ist der Anfang: den Kopf leeren, benennen, was dich leer macht, und eine Sache wählen, die diese Woche wirklich dran ist.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.