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Gefühle benennen: Warum ein einziges genaues Wort dein inneres Alarmsystem leiser macht

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 5 Min. Lesezeit

Das Gefühlsrad im Arbeitsbuch „Klar im Kopf“ mit sechs Grundgefühlen in der Mitte

Es klingt fast zu einfach, um wahr zu sein. Du bist angespannt und statt etwas zu tun, schreibst du nur auf, was du fühlst. Kein Umdeuten, kein positives Denken, keine Atemtechnik. Nur ein Wort.

Trotzdem gehört genau das zu den am besten untersuchten Beobachtungen der Emotionsforschung. Und es ist der erste Schritt in fast jedem Werkzeug von Klarstern.

Was passiert im Gehirn, wenn du ein Gefühl benennst?

2007 hat der Psychologe Matthew Lieberman an der University of California in Los Angeles (UCLA) mit seinem Team ein Experiment im Hirnscanner gemacht. Die Teilnehmenden sahen Fotos von Gesichtern mit starkem Ausdruck, etwa Wut oder Angst. Mal sollten sie das Gefühl benennen, mal nur ein passendes Geschlecht zuordnen.

Das Ergebnis: Sobald die Menschen das Gefühl in Worte fassten, ging die Aktivität in der Amygdala zurück. Das ist der Teil des Gehirns, der auf Bedrohung reagiert und Stress auslöst. Gleichzeitig wurde ein Bereich im präfrontalen Kortex aktiver, der mit Einordnen und Steuern zu tun hat.

Einfacher gesagt: Das Benennen verschiebt die Aktivität vom Alarmsystem zum ruhigen Denken. Im Englischen hat sich dafür ein Satz eingebürgert: Name it to tame it. Benenne es, dann zähmst du es.

Hält der Effekt auch außerhalb des Labors?

Eine berechtigte Frage. Ein Folgeexperiment von Katharina Kircanski, Matthew Lieberman und Michelle Craske aus dem Jahr 2012 ging genau dem nach. Menschen mit großer Angst vor Spinnen näherten sich einer lebenden Vogelspinne. Eine Gruppe beschrieb dabei in eigenen Worten, was sie gerade fühlte. Andere Gruppen versuchten, die Situation positiv umzudeuten, lenkten sich ab oder taten gar nichts Bestimmtes.

Eine Woche später zeigte die Gruppe, die ihre Gefühle benannt hatte, beim erneuten Kontakt eine geringere körperliche Stressreaktion als die Vergleichsgruppe. Das Umdeuten, das oft als die „bessere" Strategie gilt, brachte diesen Vorteil nicht.

Wichtig ist dabei eine Einschränkung, die man ehrlich dazu sagen sollte: Benennen ist kein Wundermittel. Es macht Gefühle nicht weg. Es macht sie handhabbarer. Und es ist genau deshalb so nützlich, weil man dafür vorher nicht ruhig sein muss.

Warum „mir geht's schlecht" kaum hilft

Die meisten von uns haben für Gefühle einen erstaunlich kleinen Wortschatz. Gut. Schlecht. Gestresst. Müde. Damit kommen wir durch den Alltag, aber nicht in unsere Innenwelt hinein.

Der Unterschied zeigt sich an einem Beispiel:

  • Mir geht's schlecht.
  • Ich fühle mich übergangen und gleichzeitig schuldig, weil ich das überhaupt empfinde.

Der erste Satz beschreibt einen Nebel. Der zweite zeigt, woraus der Nebel besteht. Mit dem zweiten kannst du arbeiten: Du weißt, dass es um Anerkennung geht und um einen strengen inneren Maßstab. Mit dem ersten weißt du nur, dass etwas nicht stimmt.

Je genauer das Wort, desto stärker die Wirkung.

Das Gefühlsrad: ein Wortschatz für innen

Genau hier hilft das Gefühlsrad. Es geht auf den Psychologen Robert Plutchik zurück, der 1980 ein Modell der Grundgefühle entworfen hat, und ist seitdem in vielen Varianten verbreitet worden. Das Prinzip ist immer gleich: In der Mitte stehen wenige Grundgefühle wie Angst, Freude, Wut, Trauer, Überraschung und Ekel. In den Ringen außen werden sie feiner.

Gefühlsrad mit den Grundgefühlen Freude, Vertrauen, Angst, Trauer, Ekel und Wut in der Mitte und feineren Gefühlswörtern außen

Aus „Angst" wird dann vielleicht Unsicherheit. Oder Ausgeliefertsein. Oder Versagensangst. Vier sehr verschiedene Gefühle, die alle zur Angst gehören, aber jeweils etwas anderes bedeuten und etwas anderes brauchen.

Du musst das Rad nicht auswendig lernen. Nutze es, wenn du nach einem Wort suchst und keins findest.

So benennst du ein Gefühl in drei Minuten

  1. Halte kurz an. Frag dich: Was fühle ich gerade? Nicht: Was sollte ich fühlen?
  2. Schreib das erste Wort auf, das kommt. Auch wenn es grob ist, etwa „gestresst".
  3. Geh eine Ebene tiefer. Welches genauere Wort trifft es besser? Nutze dafür das Gefühlsrad. Aus „gestresst" wird vielleicht „überrollt" oder „unter Druck, weil ich jemanden nicht enttäuschen will".
  4. Schreib einen ganzen Satz. Nach dem Muster: Ich fühle mich …, weil … Zum Beispiel: Ich bin überfordert, weil drei Dinge gleichzeitig dringend wirken und ich nicht weiß, womit ich anfangen soll.
  5. Lies den Satz einmal. Nicht bewerten, nicht verbessern. Nur lesen.

Aufschreiben wirkt dabei meist stärker als nur denken, weil du das Gefühl von außen anschauen kannst.

Wo dir das im Alltag hilft

Das Benennen ist kein eigenes Ritual, das du täglich pflegen musst. Es ist ein Einstieg, den du in genau den Momenten nutzen kannst, in denen es eng wird: wenn dir alles zu viel ist, wenn die Gedanken kreisen oder wenn eine innere Unruhe ohne klaren Grund da ist. In allen sechs Klarstern-Werkzeugen steht deshalb am Anfang derselbe Schritt: benennen, was gerade los ist.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

In Klarstern beginnt jedes Werkzeug mit diesem Schritt und das Gefühlsrad ist immer griffbereit, wenn dir ein Wort fehlt.

Lieber auf Papier? Das Gefühlsrad und alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Was bedeutet Affect Labeling?

Affect Labeling ist der Fachbegriff für das Benennen von Gefühlen in Worten. Studien zeigen, dass dabei die Aktivität in der Amygdala sinkt und Gefühle weniger intensiv erlebt werden.

Muss ich meine Gefühle aufschreiben oder reicht es, sie zu denken?

Beides wirkt, aber aufschreiben ist meist klarer. Auf Papier siehst du das Wort von außen und kannst es genauer machen. Im Kopf verschwimmen Gefühle leichter wieder.

Was ist, wenn ich gar nicht weiß, was ich fühle?

Das ist häufig. Fang mit dem Körper an: Wo spürst du etwas und wie fühlt es sich an? Enge, Druck, Schwere, Unruhe. Dann such im Gefühlsrad nach einem Wort, das dazu passt. Es muss nicht perfekt sein.

Macht Benennen Gefühle nicht noch größer?

In den Studien war es umgekehrt: Benannte Gefühle wurden leiser. Grübeln über Gefühle ist etwas anderes als Benennen. Beim Benennen fasst du das Gefühl in einem Satz und hörst dann auf.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H. & Way, B. M. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421-428. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2007.01916.x
  • Kircanski, K., Lieberman, M. D. & Craske, M. G. (2012). Feelings into words: Contributions of language to exposure therapy. Psychological Science, 23(10), 1086-1091. https://doi.org/10.1177/0956797612443830
  • Plutchik, R. (1980). Emotion: A Psychoevolutionary Synthesis. New York: Harper & Row.

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