Es ist Mittwochabend, halb acht. Du sitzt am Küchentisch. Der Laptop ist noch offen, drei Mails sind angefangen und keine ist fertig. Auf dem Herd köchelt etwas. Jemand ruft aus dem Nebenzimmer. Im Kopf läuft ein Gespräch von heute Nachmittag in Schleife und dir fällt ein, dass du den Arzttermin verschieben wolltest. Du weißt nicht mehr, wo du anfangen sollst. Also sitzt du einfach da.
Das ist kein Zusammenbruch. Es ist dieses leise, alltägliche Zuviel. Und es ist der Zustand, den Menschen am häufigsten beschreiben, wenn man sie fragt, was ihnen im Kopf gerade zu schaffen macht. Die Formulierung, die dabei am häufigsten fällt: alles gleichzeitig.
Warum sich „alles" so viel schwerer anfühlt als die einzelnen Dinge
Einzeln betrachtet wäre das meiste machbar. Eine Mail, ein Anruf, ein Termin. Schwer wird es, weil alles zugleich Aufmerksamkeit verlangt.
Das hat einen einfachen Grund. Unser Arbeitsgedächtnis, also der Teil, mit dem wir Dinge im Moment im Blick behalten, ist klein. Der Psychologe Nelson Cowan kam 2001 in einer viel zitierten Übersichtsarbeit zu dem Schluss, dass wir nur etwa vier Einheiten gleichzeitig aktiv halten können. Alles darüber hinaus rotiert: Eine Sache fällt dir ein, verdrängt eine andere, die taucht wenig später wieder auf. Von außen sieht dein Leben vielleicht unauffällig aus. Von innen fühlt es sich an wie ein Raum, in dem alle gleichzeitig reden.
Deshalb bringt es wenig, im Kopf eine Reihenfolge festzulegen. Der Kopf ist genau der Ort, an dem der Platz fehlt.
In acht Schritten vom Zuviel zum nächsten Schritt
Nimm dir ein Blatt und einen Stift. Plane zwanzig Minuten ein. Das klingt nach viel, wenn eh alles zu viel ist. Es ist aber genau die Zeit, die du sonst mit Hin- und Herspringen verbringst.
Schritt 1: Die Situation benennen
Bevor du Aufgaben sammelst, schreib in zwei, drei Sätzen auf, wie sich das Zuviel gerade anfühlt. Was überwiegt: Anspannung, Müdigkeit, Druck, Unruhe, Leere? In welchen Lebensbereichen sitzt die Last? Was würdest du einer guten Freundin sagen, wenn du ehrlich beschreiben müsstest, wie es dir geht?
Das ist keine Vorrede. Gefühle zu benennen macht sie nachweislich leiser. Warum das so ist, erkläre ich in Gefühle benennen.
Schritt 2: Alles aus dem Kopf holen
Schreib alles auf, was gerade Platz in deinem Kopf beansprucht. Ohne Reihenfolge, ohne Bewertung. Denk an Aufgaben, Entscheidungen, Sorgen, Verpflichtungen, Nachrichten, Termine, Menschen, Dinge, die du vermeiden willst, und Dinge, die dich emotional beschäftigen.
Die Liste wird lang. Das ist gut. Alles, was auf dem Papier steht, muss dein Kopf nicht mehr festhalten.
Schritt 3: Sehen, wo der Druck sitzt
Zeichne einen Kreis und teile ihn in acht Stücke, etwa Arbeit, Partnerschaft, Familie, Freundschaften, Gesundheit, Zuhause, Finanzen und Zeit für dich. Frag dich für jeden Bereich: Wie viel Druck macht er mir gerade, von 0 bis 10? Fülle jedes Stück entsprechend weit von der Mitte nach außen.

Dieses Bild heißt Lebensrad und stammt ursprünglich aus der Coaching-Praxis der 1960er Jahre. Hier nutzt du es anders als üblich: nicht um Zufriedenheit zu messen, sondern um zu sehen, wo das Zuviel gerade sitzt. Aus „mir ist alles zu viel" wird eine Landkarte. Meist zeigt sich: Es ist nicht alles. Es sind zwei, drei Bereiche.
Schritt 4: Deine echten Prioritäten erkennen
Jetzt geht es nicht darum, was gerade laut ist, sondern darum, was dir wichtig ist. Für wen oder was möchtest du Energie übrig haben? Was würde dir später leid tun, wenn du es immer wieder hintenanstellst?
Wähle höchstens drei Prioritäten für diese Phase. Gesundheit, Zeit mit der Familie, innere Ruhe, berufliche Entwicklung, was auch immer es bei dir ist. Drei klingt wenig. Das ist Absicht: Wenn alles wichtig ist, ist nichts wichtig genug, um es zu schützen.
Schritt 5: Wichtigkeit neu bewerten
Geh deine Liste aus Schritt 2 Punkt für Punkt durch und frag bei jedem: Ist das wichtig, passt es also zu meinen Prioritäten? Und ist es dringend, muss es also wirklich bald passieren? Daraus ergeben sich vier Felder:
- Anpacken: wichtig und dringend
- Schützen: wichtig, aber nicht dringend. Fällt im Stress als Erstes hinten runter.
- Verkleinern: dringend, aber nicht wichtig. Schnell erledigen, abgeben oder bewusst kleiner machen.
- Loslassen: weder wichtig noch dringend. Darf wegfallen.

Wenn ein Punkt schwer einzuordnen ist, frag: Was passiert wirklich, wenn ich das eine Woche liegen lasse? Mehr zu diesem Raster steht in Eisenhower-Matrix.
Schritt 6: Die eine entlastende Aufgabe wählen
Aus den Feldern Anpacken und Schützen wählst du jetzt genau eine Aufgabe. Nicht die perfekte, nicht die, die du „eigentlich" tun solltest. Sondern die, die dir am meisten innere Entlastung bringt. Frag dich: Wenn heute nur eine Sache leichter werden dürfte, welche wäre das?
Schritt 7: Den kleinsten nächsten Schritt finden
Mach die Aufgabe radikal klein. Was wäre der kleinste sichtbare Anfang, der höchstens fünf bis zehn Minuten dauert und den du auch ohne Motivation schaffst?
- Nicht „Wohnung aufräumen", sondern „eine Fläche freiräumen".
- Nicht „Finanzen klären", sondern „aktuelle Kontostände anschauen".
- Nicht „mehr Zeit für Freunde", sondern „einer Person schreiben und ein Treffen vorschlagen".
Dann verbinde den Schritt mit einem Moment: Wenn ich diese Seite gleich zumache, dann öffne ich den Steuerordner. Solche Wenn-Dann-Sätze machen es nachweislich wahrscheinlicher, dass du es tust. Warum, steht in Wenn-Dann-Pläne.
Schritt 8: Bewusst entlasten
Alles andere darf heute warten. Schreib auf, was heute bewusst liegen bleibt. Nicht „nie", sondern „nicht heute". Du wirfst nichts weg, du legst es nur zur Seite, und zwar mit Erlaubnis statt mit schlechtem Gewissen.
Was nicht hilft, auch wenn es sich so anfühlt
Einfach anfangen, irgendwo. Wer ohne Sortieren loslegt, erwischt meist die lauteste Aufgabe, nicht die wichtigste. Danach ist man erschöpft und hat trotzdem das Gefühl, nichts geschafft zu haben.
Eine perfekte Liste für alles machen. Eine Liste mit vierzig gleich wichtigen Punkten ist nur das Chaos in Tabellenform. Der Unterschied entsteht beim Auswählen.
Warten, bis es ruhiger wird. Das Zuviel verschwindet selten von allein. Aber es wird kleiner, sobald ein Teil davon auf Papier steht und einen Platz hat.
Wenn es nicht zu viel ist, sondern zu wenig Kraft
Manchmal fühlt sich Überforderung von außen ähnlich an wie Leere. Der Unterschied: Bei Überforderung ist zu viel da. Bei einer Blockade fehlt die Energie, überhaupt anzufangen. Wenn du dich eher schwer, leer oder wie festgefroren fühlst, lies Aufschieben oder erschöpft?.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Die acht Schritte sind eine Kurzfassung von Werkzeug Nr. 1 „Mental Overload". In Klarstern gehst du sie Frage für Frage durch, mit Lebensrad, Matrix und einer Skala, die zeigt, wie voll dein Kopf vorher war und wie voll er danach ist.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.