Impostor-Syndrom: Warum Kompetente sich für Blender halten

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 6 Min. Lesezeit

Illustration: Ein Stern hinter einer halb durchsichtigen Fläche

Du hast die Zusage bekommen. Auf dem Weg nach Hause denkst du an die Stelle im Gespräch, an der du dich verhaspelt hast, und an die Kollegin, die sich auch beworben hatte und eigentlich besser gewesen wäre. Das Wort, das dir für deine Zusage einfällt, ist Glück.

Drei Wochen später sitzt du in der ersten größeren Runde und wartest darauf, dass jemand eine Frage stellt, die zeigt, dass du hier nicht hingehörst. Niemand stellt sie. Erleichtert bist du trotzdem nicht, nur vertagt.

Was ist das Impostor-Syndrom?

Der Begriff wurde in den siebziger Jahren in der psychologischen Literatur eingeführt, um ein Muster zu beschreiben, das bei erfolgreichen Menschen auffiel: Sie hielten ihre Erfolge für einen Irrtum, für gutes Timing, für die Nachsicht anderer. Trotz gegenteiliger Belege.

Wichtig ist die Einordnung. Das ist kein Krankheitsbild, es steht in keinem der gängigen Klassifikationssysteme und es gibt dafür keine seriösen Selbsttests im Netz, auch wenn es viele davon gibt. Es ist eine Beschreibung für ein Erleben, das nach allem, was man weiß, sehr verbreitet ist. Das macht es nicht harmlos, es macht es normal.

Typisch sind vier Bewegungen. Erstens die Umdeutung von Erfolg: „Das Projekt lief gut, weil das Team stark war." Zweitens die Angst vor dem Auffliegen. Drittens der Ausgleich durch Mehrarbeit, weil nur so das nächste Mal gutgeht. Viertens die Erleichterung nach dem Erfolg, die kurz hält und nichts verändert, weil sie wieder umgedeutet wird.

Warum trifft es gerade die Fähigen?

Weil das Muster einen Wissensvorsprung braucht. Wer ein Fachgebiet gut kennt, sieht, wie groß es ist und was er alles nicht weiß. Wer wenig weiß, sieht diese Lücken nicht. Der Abstand zwischen dem eigenen Können und dem, was möglich wäre, wächst mit der Kompetenz, nicht umgekehrt.

Dazu kommt der Vergleich. Leon Festinger beschrieb 1954, dass Menschen sich an anderen messen, und zwar bevorzugt an denen, die sie für besser halten. Im Beruf ist dieses Material heute ständig verfügbar: die Fachbeiträge der anderen, ihre Vorträge, ihre Abschlüsse. Du vergleichst dabei dein Innenleben mit dem Außenauftritt anderer Menschen. Das ist kein fairer Vergleich, er fühlt sich aber wie einer an.

Und drittens verstärkt sich das Muster durch die eigene Reaktion. Wenn du nach jedem Erfolg noch mehr arbeitest, um beim nächsten Mal sicher zu sein, bestätigst du dir selbst, dass es nur mit dieser Extraportion geht. Der Beleg für die eigene Kompetenz kommt nie an, weil die Erklärung immer schon bereitliegt. Wer diesen Punkt kennt, findet im Artikel über Perfektionismus die Fortsetzung.

Was zeigt die Forschung dazu?

Ehrlich gesagt ist die Forschungslage spezifisch zum Impostor-Erleben uneinheitlich, unter anderem weil es unterschiedlich gemessen wird. Was sich besser sagen lässt, betrifft die Mechanismen daneben.

Susan Nolen-Hoeksema, Blair Wisco und Sonja Lyubomirsky fassten 2008 zusammen, dass wiederkehrendes Kreisen um dieselben Fragen gedrückte Stimmung verlängert und Probleme dabei nicht löst. Genau so läuft das Impostor-Erleben ab: Die Frage „Kann ich das wirklich?" wird abends durchgespielt, ohne dass am Ende eine Antwort steht. Das Kreisen fühlt sich nach Prüfung an und ist keine.

Kristin Neff und Christopher Germer untersuchten 2013 ein Programm zu Selbstmitgefühl und fanden, dass sich eine freundlichere Haltung gegenüber sich selbst tatsächlich üben lässt. Das ist die Gegenbewegung zur Logik des Impostor-Erlebens: Statt zu beweisen, dass du gut genug bist, lockerst du die Bedingung, unter der du dir das zugestehst.

Und Daniel Wegner zeigte 1987, dass Gedanken lauter werden, wenn man sie wegdrückt. Wer sich vornimmt, nicht mehr an die Blamage zu denken, denkt öfter daran. Das ist der Grund, warum Zusammenreißen an dieser Stelle selten funktioniert.

Die Belegmappe: Anleitung in fünf Schritten

Die folgende Runde dauert etwa dreißig Minuten und danach fünf Minuten pro Woche. Sie zielt nicht darauf, dich besser zu fühlen, sondern darauf, dir eine Materialsammlung anzulegen, die deiner inneren Erklärung widerspricht.

1. Eine Datei oder ein Heft anlegen

Ein Ort, nicht fünf. Nenn ihn schlicht, etwa „Belege". Was dort landet, sieht niemand außer dir, also darf es ungeschminkt sein.

2. Zwanzig Minuten rückwärts sammeln

Geh die letzten zwölf Monate durch und notier alles, was funktioniert hat, in kurzen Zeilen. Auch das Kleine: die Frage, die du im Meeting gestellt hast und die die Richtung geändert hat. Die Übergabe, die glattging. Die Rückmeldung, über die du dich kurz gefreut hast.

3. Hinter jede Zeile schreiben, was du dazu beigetragen hast

Das ist der eigentliche Schritt. Nicht „lief gut", sondern „ich habe vorher mit zwei Leuten gesprochen und die Unterlage umgebaut". Konkret, in Verben. Wenn dir zu einem Punkt nichts einfällt, lass ihn stehen und geh weiter. Nach zehn Einträgen wird es leichter.

4. Die Gegenerklärung danebenschreiben

Notier daneben, was dein Kopf normalerweise sagt: Glück, gutes Team, einfacher Fall. Beide Spalten nebeneinander zu sehen, ist wirkungsvoller als der Versuch, die zweite Spalte wegzudiskutieren. Du musst sie nicht widerlegen, du musst sie nur sehen.

5. Jede Woche fünf Minuten nachtragen

Freitagnachmittag, drei Zeilen. Ohne diesen Teil bleibt die Mappe eine einmalige Übung. Mit ihm hast du nach einem Quartal etwas, das du auch dann noch lesen kannst, wenn du ihm gerade nicht glaubst. Das ist der Punkt: nicht überzeugen, sondern belegen.

Was eher nicht hilft

Noch mehr leisten. Mehr Arbeit erzeugt mehr Erfolge, die umgedeutet werden. Die Rechnung geht nicht auf, weil das Problem nicht in der Leistung liegt, sondern in der Zuschreibung.

Das Gefühl vor anderen verstecken. Viele Menschen mit diesem Erleben glauben, sie seien die Einzigen im Raum. Ein einziges offenes Gespräch mit jemandem, den du fachlich schätzt, korrigiert diese Annahme meistens in zehn Minuten.

Kritik zum Beweis machen. Eine kritische Rückmeldung wird schnell als Bestätigung gelesen, dass die Sache jetzt aufgeflogen ist. Wie man Kritik einordnet, ohne sie tagelang mitzunehmen, steht im Artikel über Kritik, die nicht loslässt.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Allen sechs Klarstern-Werkzeugen liegt dieselbe Bewegung zugrunde: raus aus dem Kopf, aufs Papier, sortieren. Genau das braucht dieses Thema, weil ein Gedanke, der nur innen läuft, jede Erklärung gewinnt, die er will. Aufgeschrieben verliert er diesen Vorteil.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Ist das Impostor-Syndrom eine psychische Erkrankung?

Nein. Es ist kein Krankheitsbild und steht in keinem medizinischen Klassifikationssystem. Es beschreibt ein verbreitetes Erleben, das belastend sein kann, ohne dass es dafür eine Einordnung als Störung gibt.

Wie kann ich das Impostor-Syndrom überwinden?

Vollständig verschwindet es selten, es verliert aber an Gewicht. Wirksam ist, Erfolge schriftlich mit dem eigenen Beitrag zu verknüpfen, statt sie im Kopf zu bewerten. Dazu kommt, das Gefühl gegenüber einer Person auszusprechen, deren Urteil du fachlich ernst nimmst.

Woran erkenne ich, dass ich betroffen bin?

An der Zuschreibungsrichtung: Erfolge erklärst du mit Umständen, Fehler mit deiner Person. Von Selbsttests im Netz ist abzuraten, sie geben dem Gefühl eine Scheingenauigkeit. Die ehrlichere Frage ist, ob dich das Erleben in deinen Entscheidungen einschränkt.

Hat das Impostor-Syndrom etwas mit Selbstzweifeln zu tun?

Ja, es ist eine besondere Form davon: Selbstzweifel trotz gegenteiliger Belege. Allgemeine Selbstzweifel können auch auf Erfahrungslücken beruhen, hier ist die Erfahrung vorhanden und wird nicht angerechnet. Mehr dazu im Artikel über Selbstzweifel.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human Relations, 7(2), 117-140.
  • Nolen-Hoeksema, S., Wisco, B. E. & Lyubomirsky, S. (2008). Rethinking rumination. Perspectives on Psychological Science, 3(5), 400-424.
  • Neff, K. D. & Germer, C. K. (2013). A pilot study and randomized controlled trial of the Mindful Self-Compassion program. Journal of Clinical Psychology, 69(1), 28-44.
  • Wegner, D. M. et al. (1987). Paradoxical effects of thought suppression. Journal of Personality and Social Psychology, 53(1), 5-13.

Themen: Impostor-Syndrom · Hochstapler-Syndrom · Impostor Syndrom überwinden · sich wie ein Betrüger fühlen · Selbstzweifel im Job