Der Bericht ist seit Dienstag im Wesentlichen fertig. Seitdem liest du ihn zum vierten Mal, änderst eine Formulierung in der Einleitung, änderst sie wieder zurück und prüfst, ob die Tabelle auf der dritten Seite nicht doch besser auf die zweite passt. Abgeschickt ist er immer noch nicht.
Gleichzeitig liegen drei andere Dinge unangetastet, weil du nicht anfangen willst, bevor du diese eine Sache ordentlich abgeschlossen hast. Am Freitag ist der Bericht raus, die drei anderen Dinge sind es nicht und es fühlt sich nicht nach einer guten Woche an.
Warum bremst Perfektionismus so stark?
Der Denkfehler steckt in der Annahme, hohe Ansprüche und gute Ergebnisse seien dasselbe. Praktisch passieren zwei Dinge. Erstens wird der Anfang teuer: Wenn schon der erste Entwurf gut sein soll, ist die Hürde zum Beginnen hoch, weil jeder Anfang zwangsläufig unfertig aussieht. Zweitens bleibt das Ende unbestimmt: Ohne definierten Endpunkt gibt es immer noch etwas, das man verbessern könnte.
Dazu kommt der Anteil, der mit dir selbst zu tun hat. Viele halten ein Ergebnis nicht für unfertig, sondern befürchten, dass es etwas über sie aussagt. Dann geht es nicht mehr um den Bericht, sondern um die Frage, wie man dasteht. Über diesen Teil steht mehr in Selbstzweifel.
Und schließlich sorgt Perfektionismus für eine schiefe Verteilung. Die letzten zehn Prozent einer Aufgabe kosten oft so viel Zeit wie die ersten neunzig. Diese Zeit fehlt woanders, meistens bei Aufgaben, die niemand sieht, weil sie nie begonnen wurden.
Was die Forschung über Aufschieben zeigt
Piers Steel fasste 2007 den Forschungsstand zum Aufschieben zusammen. Zwei Faktoren tauchen dort verlässlich auf: wie unangenehm eine Aufgabe erlebt wird und wie sicher man ist, sie bewältigen zu können. Perfektionismus arbeitet an beiden Stellen gegen dich. Er macht die Aufgabe größer als nötig und er senkt die Erwartung, ihr gerecht zu werden.
Fuschia Sirois und Timothy Pychyl beschrieben 2013 einen zweiten Mechanismus. Aufschieben ist demnach kein Zeitproblem, sondern der Versuch, eine unangenehme Stimmung kurzfristig zu regulieren. Wer die Datei schließt, statt sie abzuschicken, gewinnt eine Stunde Ruhe. Am Abend ist der Druck größer als vorher. Das erklärt auch, warum bessere Zeitplanung allein wenig ändert. Mehr zur Unterscheidung zwischen Aufschieben und Erschöpfung steht in Aufschieben oder erschöpft?.
Was hilft, ist überraschend schlicht. Peter Gollwitzer und Paschal Sheeran fassten 2006 in einer Metaanalyse zusammen, dass Wenn-Dann-Pläne die Umsetzung deutlich verbessern. Und E. J. Masicampo und Roy Baumeister zeigten 2011, dass allein ein konkreter Plan die aufdringliche Wirkung einer offenen Aufgabe beendet. Beides sind Festlegungen im Voraus, keine Anstrengungen im Moment.
Die Fertig-Definition: Anleitung in vier Schritten
1. Vor dem Anfang aufschreiben, was fertig heißt
Bevor du beginnst, schreib drei bis fünf Kriterien auf, an denen du erkennst, dass die Aufgabe abgeschlossen ist. Für den Bericht etwa: Zahlen stimmen, Struktur steht, keine Tippfehler, eine klare Empfehlung am Ende. Was nicht auf der Liste steht, ist kein Grund, weiterzuarbeiten. Diese Liste entscheidest du in einem Zustand, in dem du noch nüchtern draufschaust, nicht nach vier Stunden im Detail.
2. Einen Zeitrahmen setzen, nicht nur ein Qualitätsziel
Leg fest, wie lange die Aufgabe dauern darf, und zwar begründet: Was ist diese Sache an Zeit wert, gemessen an allem anderen? Eine interne Notiz ist keine Kundenpräsentation. Ein Zeitrahmen ist die einzige Grenze, die auch dann noch gilt, wenn dir doch noch eine Verbesserung einfällt.
3. Die Weiche stellen: Anstoß oder Erholung
Wenn du nicht weiterkommst, prüf ehrlich, woran es liegt. Hält dich ein Widerstand zurück, der mit einem kleinen Anstoß zu lösen wäre? Dann ist ein Fünf-Minuten-Anfang der richtige Schritt. Oder bist du wirklich leer? Dann ist eine echte Pause der richtige Schritt, ohne Nebenher-Arbeiten. Die beiden Zustände fühlen sich ähnlich an und brauchen das Gegenteil voneinander.
4. Den ersten Schritt radikal verkleinern und terminieren
Nicht „Bericht schreiben", sondern „Überschriften der vier Kapitel notieren". Nicht „Mail beantworten", sondern „zwei Sätze schreiben, ohne sie zu prüfen". Dazu ein Wenn-Dann-Satz: „Wenn ich morgen um neun am Schreibtisch sitze, schreibe ich zuerst die vier Überschriften." Wie du solche Schritte sauber in deine Liste bekommst, steht in Die To-do-Liste, die funktioniert.
Was eher nicht hilft
Sich vornehmen, weniger perfektionistisch zu sein. Ein Vorsatz ohne Kriterium hält genau bis zum ersten Detail, das nicht stimmt.
Erst alles Kleine erledigen, damit der Kopf frei ist. Die große Aufgabe bleibt liegen und der Tag ist trotzdem voll.
Auf den richtigen Moment warten. Der Zustand, in dem eine schwierige Aufgabe leicht wirkt, stellt sich in der Regel nicht vorher ein, sondern nach den ersten Minuten Arbeit.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Die Weiche zwischen kleinem Anstoß und echter Erholung sowie das radikale Verkleinern von Aufgaben sind Werkzeug Nr. 6 „Innere Blockade". In Klarstern führt dich die App in wenigen Minuten dorthin, wo du gerade wirklich stehst, und endet mit einem Schritt, der klein genug ist, um ihn heute noch zu tun.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.