To-do-Liste richtig schreiben: Wie eine Liste wirklich entlastet

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 5 Min. Lesezeit

Illustration: Notizblatt mit einer kurzen Liste, zwei Punkte abgehakt

Du hast am Sonntagabend eine Liste geschrieben. Vierzehn Punkte, ordentlich untereinander, in einer guten Stunde. Am Mittwoch sind es zweiundzwanzig Punkte, abgehakt hast du drei und die drei wichtigsten stehen unverändert ganz oben.

Jedes Mal, wenn du die Liste öffnest, liest du sie einmal komplett durch, spürst einen kleinen Druck im Brustkorb und machst dann etwas anderes. Das liegt nicht an fehlender Disziplin. Es liegt daran, dass die meisten Listen fürs Aufschreiben gebaut sind und nicht fürs Tun.

Warum beruhigt eine Liste den Kopf überhaupt?

Offene Aufgaben verschwinden nicht, wenn du sie ignorierst. Sie melden sich, und zwar bevorzugt dann, wenn du eigentlich etwas anderes tust. E. J. Masicampo und Roy Baumeister zeigten 2011, dass unerledigte Ziele die Aufmerksamkeit stören und in andere Tätigkeiten hineindrängen. Ihr zweiter Befund ist der eigentlich interessante: Schon ein konkreter Plan, wann und wie die Sache angegangen wird, ließ diesen Effekt verschwinden. Es brauchte nicht die Erledigung. Es brauchte den Plan.

Damit ist auch gesagt, was eine Liste leisten muss. Sie ist kein Archiv aller Absichten, sondern der Ort, an dem aus einem vagen „Ich müsste mal" eine Handlung mit Zeitpunkt wird. Genau daran scheitern die meisten Listen.

Michael Scullin und Kolleginnen fanden 2018 einen verwandten Effekt am Abend: Menschen, die kurz vor dem Schlafengehen aufschrieben, was in den nächsten Tagen ansteht, schliefen schneller ein als Menschen, die über Erledigtes schrieben. Je konkreter die Liste, desto deutlicher zeigte sich das. Aufschreiben wirkt also, aber nur in der richtigen Form.

Warum wird die Liste trotzdem immer länger?

Der häufigste Fehler ist eine Vermischung. Auf derselben Liste stehen „Müll runterbringen" und „Steuererklärung". Das eine ist eine Handlung von drei Minuten, das andere ein Vorhaben aus vierzehn Einzelschritten. Dein Kopf nimmt beim Überfliegen beides als gleich groß wahr und weil das Große nicht beginnbar aussieht, beginnst du gar nicht.

Der zweite Fehler ist die fehlende Zeit. Punkte ohne Zeitpunkt sind Wünsche. Sie wandern jeden Tag mit, werden abgeschrieben, neu sortiert, nie getan.

Der dritte Fehler ist die Liste als Gedächtnisspeicher für alles. Wer jedes Mal die komplette Liste liest, um zu entscheiden, was jetzt dran ist, trifft dieselbe Entscheidung zehnmal am Tag. Das kostet mehr Kraft als die kleinen Aufgaben selbst. Wie sich dieses Gefühl anfühlt, wenn es sich über den ganzen Alltag legt, beschreibt der Artikel über das Gefühl, dass alles zu viel ist.

Die klare Liste in fünf Schritten

Plan dafür einmalig zwanzig Minuten ein. Danach brauchst du täglich etwa fünf.

1. Zehn Minuten alles herausschreiben

Nimm ein leeres Blatt oder ein leeres Dokument und schreib ohne Ordnung auf, was dir im Kopf liegt. Berufliches, Privates, Halbsätze, Sorgen, die eigentlich Aufgaben sind. Keine Kategorien, keine Bewertung, keine schöne Schrift. Dieser Schritt ist nicht die Liste, er ist die Entleerung. Hör erst auf, wenn dir eine halbe Minute lang nichts mehr einfällt.

2. Vorhaben von Handlungen trennen

Geh die Rohliste durch und markier alles, was in Wahrheit ein Vorhaben ist, also mehr als einen Arbeitsschritt braucht. „Urlaub planen", „Keller", „Bewerbung". Diese Punkte bekommen eine eigene Spalte oder eine eigene Seite. Sie sind keine Aufgaben und dürfen nicht auf der Tagesliste stehen.

3. Jeden Punkt als sichtbare Handlung formulieren

Schreib auf, was ein Außenstehender dich tun sehen würde. Nicht „Versicherung", sondern „Kundennummer auf dem Vertrag suchen". Nicht „Bewerbung", sondern „Stellenanzeige noch einmal lesen und drei Stichpunkte notieren". Für jedes Vorhaben aus Schritt 2 formulierst du genau den ersten dieser sichtbaren Schritte, nicht alle.

Die Regel lautet: Wenn du beim Lesen überlegen musst, wie du anfängst, ist der Punkt noch zu groß.

4. Einen Zeitpunkt dazuschreiben statt einer Reihenfolge

Nummern von eins bis zwanzig helfen wenig. Ein Zeitpunkt hilft. Schreib hinter die Punkte, die diese Woche wirklich passieren sollen, wann sie passieren: „Dienstag nach dem Mittagessen", „morgen früh vor den Mails", „Donnerstag im Zug". Peter Gollwitzer und Paschal Sheeran fassten 2006 in einer Metaanalyse zusammen, dass solche Wenn-Dann-Pläne die Umsetzung deutlich verbessern, weil die Situation selbst zum Auslöser wird und du nicht jedes Mal neu entscheiden musst.

5. Drei Dinge für heute, der Rest auf die Wochenliste

Die Tagesliste hat drei Punkte. Mehr nicht. Alles andere steht auf einer zweiten Liste, die du einmal pro Woche durchgehst, zum Beispiel freitags. Diese Trennung ist der eigentliche Entlastungsschritt: Du siehst beim Arbeiten nur noch das, was heute zählt, weißt aber, dass der Rest sicher aufbewahrt ist.

Wenn dir die Auswahl der drei Punkte schwerfällt, hilft ein eigenes Verfahren dafür. Wie du sortierst, steht in Prioritäten setzen und wenn du gern mit Feldern arbeitest, ist die Eisenhower-Matrix ein brauchbares Raster.

Was eher nicht hilft

Ein neues System suchen. Eine Stunde in eine App oder ein Bullet Journal zu stecken fühlt sich nach Fortschritt an, ändert aber nichts an zu groß formulierten Punkten. Das Format ist selten das Problem.

Alles in eine einzige Liste schreiben. Eine Liste, die Einkauf, Jahresziele und Geburtstage enthält, ist für keinen dieser Zwecke gut. Zwei Listen sind die Untergrenze: heute und alles andere.

Die Liste als Leistungsnachweis führen. Wer Erledigtes nachträgt, um am Abend mehr Haken zu sehen, macht aus einem Arbeitsmittel eine Bewertung. Streich die Liste abends lieber leer, statt sie zu schmücken.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Das Herausschreiben, Sortieren und Auswählen ist genau der Ablauf von Werkzeug Nr. 1 „Mental Overload". In Klarstern führt dich die App Schritt für Schritt hindurch, auch an den Tagen, an denen der Kopf zu voll ist, um selbst eine Struktur zu finden.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Wie lang sollte eine To-do-Liste sein?

Die Tagesliste sollte höchstens drei bis fünf Punkte haben, sonst wird sie zur Wunschliste. Alles Weitere gehört auf eine Wochenliste, die du nur einmal pro Woche anschaust. Entscheidend ist nicht die Gesamtmenge, sondern wie viel gleichzeitig sichtbar ist.

Was tun, wenn die To-do-Liste zu lang ist?

Geh sie einmal komplett durch und streich alles, was gar nicht deine Aufgabe ist oder längst erledigt wurde. Danach trennst du große Vorhaben von einzelnen Handlungen und schreibst nur die ersten Schritte neu auf. Meist schrumpft die Liste dabei um ein Drittel.

Papier oder App?

Beides funktioniert. Papier zwingt zur Kürze und lässt sich nicht endlos erweitern, eine App ist überall dabei und erinnert an Termine. Wichtiger als die Wahl ist, dass es nur einen einzigen Ort gibt, an dem Aufgaben landen.

Wann schreibe ich die Liste am besten?

Am Ende des Arbeitstags für den nächsten Tag. Dann weißt du morgens sofort, wo du anfängst, und der Kopf muss abends nichts mehr festhalten. Eine kurze Liste vor dem Schlafengehen kann laut der Untersuchung von Scullin und Kolleginnen auch das Einschlafen erleichtern.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Masicampo, E. J. & Baumeister, R. F. (2011). Consider it done! Plan making can eliminate the cognitive effects of unfulfilled goals. Journal of Personality and Social Psychology, 101(4), 667-683.
  • Scullin, M. K. et al. (2018). The effects of bedtime writing on difficulty falling asleep. Journal of Experimental Psychology: General, 147(1), 139-146.
  • Gollwitzer, P. M. & Sheeran, P. (2006). Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69-119.

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