Es ist halb zehn. Vor dir liegen sieben Dinge, von denen jedes einen guten Grund hat, jetzt dran zu sein. Die Mail der Kollegin, weil sie wartet. Die Präsentation, weil sie wichtig ist. Der Arzttermin, den du seit drei Wochen vor dir herschiebst. Der Rückruf, der nur zwei Minuten dauert.
Du entscheidest dich für die Mail, weil sie oben liegt. Um sechs ist die Präsentation immer noch nicht angefangen und du hast trotzdem den ganzen Tag gearbeitet. Das ist kein Organisationsfehler. Das passiert, wenn man Dringlichkeit mit Wichtigkeit verwechselt, weil Dringlichkeit lauter ist.
Warum fällt Priorisieren so schwer?
Der erste Grund ist, dass Aufgaben nicht mit einem Preisschild kommen. Was wichtig ist, steht nirgends. Es ergibt sich erst aus einem Ziel und Ziele sind im Alltag selten so klar formuliert, dass sich daraus eine Reihenfolge ableiten ließe.
Der zweite Grund ist unbequem: Wir wählen bevorzugt die Aufgabe, die sich gerade am angenehmsten anfühlt. Piers Steel fasste 2007 in einer großen Übersicht zusammen, dass Aufschieben eng mit der Abneigung gegen eine Aufgabe und mit der Erwartung zusammenhängt, sie nicht gut zu schaffen. Fuschia Sirois und Timothy Pychyl beschrieben 2013 denselben Mechanismus als kurzfristige Stimmungsregulation: Wir schieben nicht, weil wir schlecht mit Zeit umgehen, sondern weil das Erledigen der kleinen, netten Dinge sofort ein besseres Gefühl macht als der Anfang der großen. Eine Prioritätenliste, die das nicht berücksichtigt, wird umgangen.
Was die Forschung dazu zeigt
Der dritte Grund ist der ständige Wechsel. Stephen Monsell fasste 2003 zusammen, dass jeder Aufgabenwechsel Zeit und Genauigkeit kostet. Wer den Tag über zwischen sieben gleichrangigen Dingen springt, zahlt diesen Preis dutzendfach. Priorisieren spart also nicht nur Zeit für die unwichtigen Dinge ein, es macht auch die wichtigen schneller.
Ehrlich bleibt: Es gibt keine Untersuchung, die ein bestimmtes Priorisierungssystem als überlegen ausweist. Was gut belegt ist, ist etwas anderes. E. J. Masicampo und Roy Baumeister zeigten 2011, dass unerledigte Ziele den Kopf so lange stören, bis es einen konkreten Plan gibt. Der Plan beruhigt, nicht die Erledigung. Deshalb ist der wichtigste Teil des Sortierens nicht die Reihenfolge, sondern der Zeitpunkt, den alles Übrige bekommt.
Die Drei-Fragen-Sortierung: Anleitung in fünf Schritten
Du brauchst zehn Minuten, ein Blatt Papier und deine aktuelle Aufgabenliste. Wenn du noch keine hast, schreib vorher alles heraus, was im Kopf liegt. Wie das geht, steht in To-do-Liste richtig schreiben.
1. Alles sichtbar machen
Schreib alle Aufgaben untereinander, die heute oder diese Woche irgendwie im Raum stehen. Auch die privaten. Solange ein Teil im Kopf bleibt, priorisierst du auf einer unvollständigen Grundlage und das Ergebnis fühlt sich nie richtig an.
2. Frage eins: Was passiert wirklich, wenn es liegen bleibt?
Geh jede Zeile durch und schreib in Stichworten die Folge dahinter. „Nichts." „Kollegin kann Dienstag nicht weiterarbeiten." „Frist verstreicht." Diese Frage entlarvt die Aufgaben, die sich dringend anfühlen, aber keine Folge haben. Erfahrungsgemäß ist das ein Viertel der Liste.
3. Frage zwei: Wartet jemand anderes darauf?
Markier alles, was jemanden blockiert. Diese Punkte kommen nach vorn, auch wenn sie klein sind, denn sie halten sonst andere Menschen auf und kommen später als Nachfrage zurück. Ein Satz an die richtige Person ist oft die wirksamste Aufgabe des Tages.
4. Frage drei: Bringt mich das dem näher, was mir wichtig ist?
Diese Frage sortiert das, was nach den ersten beiden übrig bleibt. Gemeint ist nicht das große Lebensziel, sondern das, woran du gerade wirklich arbeitest: dieses Projekt, diese Bewerbung, diese Gesundheitssache. Setz ein Kreuz bei allem, was darauf einzahlt. Aufgaben ohne Folge, ohne Wartende und ohne Kreuz sind Kandidaten fürs Streichen.
5. Eine Sache wählen, für den Rest einen Zeitpunkt festlegen
Nicht drei. Eine. Diese eine Sache bekommt den nächsten ungestörten Block. Hinter jeden anderen Punkt schreibst du einen konkreten Zeitpunkt: „morgen vor den Mails", „Donnerstag nach dem Team-Termin". Peter Gollwitzer und Paschal Sheeran fassten 2006 in einer Metaanalyse zusammen, dass solche Wenn-Dann-Pläne die Umsetzung deutlich verbessern. Und genau dieser Zeitpunkt ist es, der den Rest aus dem Kopf nimmt.
Wenn du lieber mit einem Raster arbeitest als mit Fragen, findest du in der Eisenhower-Matrix eine Variante derselben Idee in vier Feldern.
Was eher nicht hilft
Alles in A, B und C einteilen. Fast alles landet bei A oder B. Buchstaben schaffen keine Entscheidung, sie verschieben sie nur in eine andere Schreibweise.
Mit der kleinsten Aufgabe anfangen, um in Schwung zu kommen. Das funktioniert manchmal als Start, wird aber schnell zur Dauerlösung. Wer den Vormittag mit Kleinkram füllt, gibt der wichtigsten Sache den müdesten Teil des Tages.
Dauerhaft priorisieren statt anzusprechen, dass es zu viel ist. Wenn jede Woche mehr Wichtiges liegen bleibt, ist die Menge das Problem und nicht die Sortierung. Wie du das sachlich zur Sprache bringst, steht in Überforderung im Job.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Das Auswählen ist der letzte Schritt von Werkzeug Nr. 1 „Mental Overload": alles aus dem Kopf holen, sortieren, eine Sache wählen. In Klarstern stellt dir die App genau diese Fragen in der richtigen Reihenfolge, damit aus einer langen Liste eine Entscheidung wird.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.