Es ist Dienstagvormittag. Du hast dreiundzwanzig ungelesene Mails, zwei Deadlines in dieser Woche, eine Kollegin wartet auf eine Rückmeldung und irgendwo dazwischen liegt das Projekt, das eigentlich das wichtigste ist. Du öffnest das Dokument, liest die erste Zeile und schließt es wieder.
Am Abend hast du acht Stunden gearbeitet und kannst nicht sagen, was du geschafft hast. Das ist kein Zeichen von Faulheit. Es ist ziemlich genau das, was passiert, wenn zu viel gleichzeitig offen ist.
Warum lähmt zu viel Arbeit den Kopf?
Offene Aufgaben verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert. Sie melden sich immer wieder. E. J. Masicampo und Roy Baumeister zeigten 2011, dass unerledigte Ziele die Aufmerksamkeit stören und in andere Tätigkeiten hineindrängen. Interessant ist ihr zweiter Befund: Schon ein konkreter Plan, wann und wie man die Sache angeht, reichte aus, damit dieser Effekt verschwand. Nicht die Erledigung, sondern der Plan.
Dazu kommt der ständige Wechsel. Stephen Monsell fasste 2003 zusammen, dass jeder Aufgabenwechsel Zeit und Genauigkeit kostet. An einem typischen Bürotag wechselst du dutzendfach. Jeder einzelne Wechsel ist klein, in der Summe erklärt er einen guten Teil des Gefühls, den ganzen Tag beschäftigt gewesen zu sein, ohne etwas fertig bekommen zu haben.
Und drittens gibt es eine Last, die in keiner Aufgabenliste steht: das Mitdenken. Wer im Kopf behält, woran andere noch erinnert werden müssen, wann welche Zulieferung kommt, was in zwei Wochen wichtig wird, arbeitet permanent mit. Dieses unsichtbare Mitdenken beschreibt auch der Artikel über das Gefühl, dass alles zu viel ist.
Ist es Überforderung oder ist es zu viel Arbeit?
Diese Unterscheidung ist unbequem, aber sie spart Kraft. Manchmal ist die Arbeitsmenge grundsätzlich zu bewältigen und der Kopf kommt nur nicht hinterher, weil alles ungeordnet ist. Dann helfen Sortieren und Priorisieren wirklich.
Manchmal ist die Menge schlicht zu groß. Keine Methode der Welt macht aus sechzig Stunden Arbeit vierzig. In diesem Fall ist Selbstorganisation die falsche Baustelle. Was dann hilft, ist ein sachliches Gespräch, in dem sichtbar wird, was liegen bleibt, wenn Neues dazukommt. Genau darum geht es auch in Nein sagen lernen.
Ein erster Anhaltspunkt: Wenn du nach einem freien Wochenende weiterhin das Gefühl hast, in Rückstand zu sein, liegt es selten an deiner Organisation.
Die Zwanzig-Minuten-Entlastung: Anleitung in vier Schritten
1. Alles raus, ungeordnet
Nimm ein leeres Blatt oder ein leeres Dokument und schreib zehn Minuten lang auf, was dir im Kopf herumgeht. Aufgaben, Sorgen, Halbsätze, alles. Keine Reihenfolge, keine Kategorien, keine Bewertung. Es geht nicht um eine gute Liste. Es geht darum, dass es aus dem Kopf herauskommt.
2. Durchstreichen, was nicht dir gehört
Geh die Liste durch und markier, was nicht deine Aufgabe ist. Was wartet eigentlich auf eine Entscheidung von jemand anderem? Was hast du übernommen, ohne dass es jemand verlangt hat? Was ist längst erledigt und steht nur noch im Kopf? Dieser Schritt kürzt die Liste oft spürbar.
3. Die eine Sache wählen
Nicht die drei wichtigsten. Eine. Frag dich: Was hätte heute den größten Unterschied gemacht, wenn es abends fertig ist? Diese eine Sache bekommt den nächsten freien Block. Wie du zwischen mehreren wichtigen Dingen entscheidest, steht in Prioritäten setzen.
4. Für den Rest einen Schritt festlegen
Der Rest bleibt liegen, aber nicht im Kopf. Schreib hinter jeden verbleibenden Punkt einen konkreten nächsten Schritt mit Zeitpunkt: „Donnerstag nach dem Team-Termin: Mail an Frau Berg." Peter Gollwitzer und Paschal Sheeran fassten 2006 in einer Metaanalyse zusammen, dass solche Wenn-Dann-Pläne die Umsetzung deutlich verbessern. Und laut Masicampo und Baumeister beruhigt genau dieser Plan den Kopf, auch bevor etwas getan ist.
Was eher nicht hilft
Länger arbeiten, bis der Rückstand weg ist. Der Rückstand ist an vollen Tagen selten endlich. Was verlässlich schrumpft, ist die Erholung.
Eine perfekte Liste bauen. Eine Stunde in ein System zu stecken fühlt sich nach Fortschritt an, ist aber meistens ein Aufschub mit gutem Gewissen.
Alles gleichzeitig ein bisschen bearbeiten. Genau dieser Modus erzeugt die Wechselkosten, die den Tag zerlegen.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Es gibt einen Punkt, an dem Überforderung im Job aufhört, eine Frage der Arbeitsorganisation zu sein. Wenn du über Wochen schlecht schläfst, morgens mit Druck auf der Brust aufwachst, dich von allem zurückziehst oder sonntags schon vor dem Montag Angst hast, dann sprich mit deiner Hausarztpraxis darüber. Eine Metaanalyse von Johannes Wendsche und Andrea Lohmann-Haislah aus dem Jahr 2017 zeigt, wie eng fehlendes gedankliches Abschalten mit Erschöpfung zusammenhängt. Anhaltende Erschöpfung ist ein ernstzunehmendes Signal.
Wo die Grenze zwischen Selbsthilfe und professioneller Unterstützung verläuft, steht ausführlich in Selbsthilfe oder Unterstützung?.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Genau für diesen Moment gibt es Werkzeug Nr. 1 „Mental Overload": alles aus dem Kopf aufschreiben, sortieren, eine Sache wählen. In Klarstern führt dich die App Schritt für Schritt hindurch, auch wenn du gerade zu voll bist, um selbst eine Struktur zu finden.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.