Sonntagabend. Du gehst die Woche durch und bleibst an der einen Sache hängen, die schiefgelaufen ist. Der Satz, den du in dem Termin gesagt hast. Die Mail, die du zu spät geschickt hast. Der Ton, in dem du deinem Kind geantwortet hast, obwohl es nichts dafür konnte.
Dein innerer Kommentar dazu ist kurz und eindeutig: typisch. Du kennst diesen Kommentar so gut, dass er dir nicht mehr als Kommentar auffällt, sondern als Tatsache. Wenn irgendwo etwas anzusetzen wäre, dann hier.
Was heißt Selbstliebe eigentlich, ohne Esoterik?
Der Begriff ist unglücklich, weil er nach Gefühl klingt. Liebe lässt sich schlecht beschließen. Was sich beschließen lässt, ist ein Umgang: wie du mit dir redest, wenn etwas nicht klappt, wie viel Nachsicht du dir zugestehst, wie selbstverständlich du eigene Bedürfnisse überhaupt erwähnst.
Deshalb ist der nüchternere Begriff der brauchbarere. Selbstmitgefühl beschreibt genau diesen Umgang und es setzt kein warmes Gefühl voraus. Du kannst dich an einem Tag ziemlich unattraktiv, unfähig und müde finden und trotzdem freundlich mit dir umgehen. Das ist kein Widerspruch, sondern der eigentliche Punkt.
Selbstliebe ist außerdem nicht dasselbe wie Selbstwert. Selbstwert ist eine Einschätzung: Wie gut bin ich? Sie schwankt mit Erfolgen und Vergleichen. Selbstmitgefühl ist eine Haltung, die auch dann funktioniert, wenn die Einschätzung gerade schlecht ausfällt. Wer an der Einschätzung arbeiten will, findet das im Artikel über das Stärken des Selbstwertgefühls.
Was zeigt die Forschung zum Selbstmitgefühl?
Kristin Neff und Christopher Germer legten 2013 eine Untersuchung zum Programm „Mindful Self-Compassion" vor, einem achtwöchigen Kurs. Der zentrale Befund ist bescheiden und wichtig zugleich: Selbstmitgefühl ist offenbar keine Eigenschaft, die man hat oder nicht hat, sondern etwas, das sich durch Üben verändern lässt.
Die drei Bestandteile, die dort beschrieben werden, lohnen sich einzeln. Erstens Freundlichkeit statt Selbstverurteilung. Zweitens die Einordnung, dass Fehler und Überforderung zum Menschsein gehören und nicht dein persönlicher Defekt sind. Drittens eine wache Wahrnehmung des eigenen Zustands, die weder wegdrückt noch sich hineinsteigert.
Der dritte Punkt hat einen praktischen Anker. Matthew Lieberman und Kolleginnen und Kollegen fanden 2007, dass das In-Worte-Fassen von Gefühlen mit geringerer Aktivität in einer an emotionalen Reaktionen beteiligten Hirnregion einherging. Das Benennen ist damit kein Wellness-Zusatz, sondern der Zugang: Solange du nicht weißt, dass du gerade enttäuscht bist, kannst du auch nicht freundlich damit umgehen. Wie das praktisch geht, steht im Artikel über das Benennen von Gefühlen.
Ein zweiter Zusammenhang gehört dazu. Leon Festinger beschrieb 1954, dass Menschen sich an anderen messen, besonders an denen, die sie über sich einordnen. Wer den halben Abend durch fremde Leben scrollt, hat am Ende nicht zu wenig Selbstliebe, sondern zu viele Vergleiche. Das ist eine Frage der Gewohnheit, nicht des Charakters.
Wie erkennst du deinen inneren Ton?
Die meisten Menschen halten ihren inneren Kommentar für neutral. Er ist es selten. Ein einfacher Test: Schreib den Satz, den du dir nach einem Fehler sagst, wörtlich auf. Danach stell dir vor, eine gute Freundin hätte denselben Fehler gemacht und du sagst ihr genau diesen Satz. Meistens merkst du sofort, dass du das nicht tun würdest.
Diese Lücke zwischen beiden Sätzen ist der eigentliche Arbeitsbereich. Es geht nicht darum, den harten Satz durch einen schönen zu ersetzen. Es geht darum, ihn durch einen zutreffenden zu ersetzen. „Ich bin unzuverlässig" ist selten wahr. „Ich habe diese Mail vergessen, weil diese Woche zu voll war" ist meistens wahr und deutlich brauchbarer.
Die Vier-Zeilen-Übung: Anleitung in vier Schritten
Die Übung dauert fünf Minuten und braucht nichts außer Papier. Sie eignet sich für den Moment nach einem Tag, an dem etwas schiefgelaufen ist.
1. Die Lage in einem Satz
Schreib sachlich auf, was passiert ist, ohne Bewertung. „Ich habe den Termin verpasst." Nicht: „Ich habe es mal wieder verbockt." Der Unterschied klingt klein, er entscheidet aber darüber, worüber du in den nächsten Minuten nachdenkst.
2. Das Gefühl benennen
Schreib in die zweite Zeile, was du fühlst. Zwei oder drei Wörter reichen: peinlich berührt, ärgerlich, erschöpft. Wenn dir kein Wort einfällt, nimm das nächstbeste. Auch ein ungenaues Wort wirkt besser als gar keins.
3. Den menschlichen Nenner dazuschreiben
Dritte Zeile: ein Satz, der die Sache einordnet. „Termine gehen unter, wenn zu viele parallel laufen. Das passiert vielen Menschen." Das ist keine Ausrede, sondern eine Korrektur. Der innere Kommentar deutet Fehler gern als Einzelfall mit Personenbezug. Meistens sind sie es nicht.
4. Den nächsten Schritt festlegen
Vierte Zeile: eine konkrete Handlung, klein und terminiert. „Morgen früh anrufen und einen neuen Termin ausmachen." Damit endet die Runde. Selbstmitgefühl ohne Handlung wird schnell zur Beruhigungsformel, Handlung ohne Selbstmitgefühl wird zur nächsten Runde Druck. Beides zusammen ist der Punkt.
Wenn du die Übung ein paar Wochen machst, verändert sich nicht dein Gefühl für dich selbst, jedenfalls nicht sofort. Was sich verändert, ist die Geschwindigkeit, mit der du aus dem Nachtreten wieder herauskommst.
Was eher nicht hilft
Sätze aufsagen, die du nicht glaubst. „Ich bin genug" vor dem Spiegel zu wiederholen, wirkt bei Menschen mit niedrigem Selbstwert oft nicht wie erhofft. Ein Satz, der zu weit von deiner eigenen Einschätzung entfernt liegt, erzeugt eher Widerspruch als Zustimmung.
Selbstliebe zur weiteren Aufgabe machen. Wenn auf der To-do-Liste neben Wäsche und Steuererklärung noch „gut zu mir sein" steht, ist es ein Punkt mehr, an dem du scheitern kannst. Kleiner ansetzen: ein Satz pro Woche, den du anders formulierst.
Ruhe nur nach Leistung zulassen. Die Idee, Erholung erst zu verdienen, hält den ganzen Mechanismus am Laufen. Wer sich dabei ertappt, findet im Artikel über das schlechte Gewissen bei Pausen den passenden Einstieg.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Alle sechs Klarstern-Werkzeuge beruhen auf derselben Voraussetzung: Du schreibst auf, was tatsächlich los ist, ohne es vorher schönzureden oder zu verurteilen. Das ist Selbstmitgefühl in der praktischsten Form, die es gibt. Klarstern ist die App, die dich dabei Schritt für Schritt führt, auch an den Abenden, an denen du selbst nicht mehr freundlich mit dir bist.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.