Silvester ohne Druck: Wie du den Jahreswechsel so verbringst, wie er dir passt

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 5 Min. Lesezeit

Illustration: Nachthimmel über Dächern mit wenigen hellen Funken

Ende Dezember, drei Nachrichten im Handy. Eine Einladung zu einer Feier mit vielen Leuten, eine Frage, ob ihr zu zweit kocht, und eine Gruppe, in der schon jemand Bilder vom letzten Jahr postet. Du liest alles und antwortest auf nichts.

Eigentlich willst du an dem Abend nur früh ins Bett. Aber das klingt in deinem Kopf nach einer Ausrede, also verschiebst du die Antwort auf morgen. So wird aus einem freien Abend eine offene Aufgabe, die zwei Wochen lang mitläuft.

Warum ist der Jahreswechsel so aufgeladen?

Silvester ist einer der wenigen Abende im Jahr, an denen fast alle gleichzeitig dasselbe tun und fast alle davon Bilder machen. Leon Festinger beschrieb schon 1954, dass Menschen sich an anderen orientieren, um sich selbst einzuschätzen, und dabei nach oben schauen. Ein Abend, der überall gleichzeitig stattfindet, ist dafür eine besonders dichte Gelegenheit.

Dazu kommt, dass dieser Abend als Symbol gilt. Wer den Jahreswechsel still verbringt, hört schnell die innere Stimme, dass das etwas über das ganze Jahr aussage. Das tut es nicht. Ein Datum hat keine Aussagekraft über ein Leben, auch wenn es sich in der Nacht auf den ersten Januar manchmal so anfühlt.

Und schließlich läuft an diesem Abend der Vergleich auch übers Handy. In den sozialen Netzwerken ist in dieser Nacht besonders viel Feier zu sehen und besonders wenig von allem anderen. Es lohnt sich, das Gerät früh wegzulegen, unabhängig davon, wie du den Abend verbringst.

Was macht es so schwer, abzusagen?

Absagen fühlen sich meist schlimmer an, als sie ankommen. Vanessa Bohns fasste 2016 zusammen, dass Menschen den Einfluss ihrer Bitten und Antworten auf andere systematisch falsch einschätzen. Wir überschätzen, wie sehr eine Absage die andere Seite trifft, und unterschätzen, wie selbstverständlich sie meistens hingenommen wird.

Hilfreich ist auch die Formulierung. Vanessa Patrick und Henrik Hagtvedt zeigten 2012, dass „Ich mache das nicht" stärker wirkt als „Ich kann nicht". Der erste Satz beschreibt eine Entscheidung, der zweite eine Ausrede, die nach Verhandlung klingt. „Ich bin dieses Jahr an Silvester zu Hause" braucht keine Begründung und lädt auch zu keiner ein. Mehr dazu in Nein sagen lernen.

Und noch ein praktischer Punkt: Sabine Sonnentag und Charlotte Fritz beschrieben 2007, dass zur Erholung neben dem Abschalten und dem Entspannen auch gehört, selbst über die eigene Zeit zu entscheiden. Ein Abend, zu dem du dich verpflichtet fühlst, erholt selten, egal wie schön er von außen aussieht.

Die Silvester-Entscheidung in vier Schritten

Nimm dir zwanzig Minuten, am besten Mitte Dezember, bevor die Einladungen sich stapeln.

1. Alle Möglichkeiten aufschreiben, auch die unüblichen

Schreib jede Option auf, die es tatsächlich gibt: die große Feier, das Essen zu zweit, ein Spaziergang, ein Abend allein mit einem Film, früh schlafen, am 1. Januar jemanden treffen statt in der Nacht. Auch die Optionen, die dir zuerst albern vorkommen. Was nicht auf dem Papier steht, wird nicht abgewogen.

2. Eigene Kriterien festlegen, bevor du vergleichst

Schreib drei bis vier Fragen auf, die für dich zählen. Zum Beispiel: Wie viel Gesellschaft tut mir gerade gut. Wie viel Aufwand bin ich bereit zu betreiben. Wie viel Lärm halte ich aus. Wie möchte ich mich am 1. Januar um elf Uhr fühlen. Entscheidend ist, dass es deine Kriterien sind und nicht die Frage, was man an Silvester macht.

3. Jede Option an den Kriterien prüfen

Geh die Liste durch und schreib hinter jede Option in einem Satz, wie sie zu deinen Kriterien passt. Oft fällt schon hier die Hälfte weg. Es geht nicht um Punkte oder Tabellen, sondern darum, dass die Abwägung sichtbar wird und nicht im Kopf im Kreis läuft.

4. Früh entscheiden und kurz antworten

Triff die Entscheidung, bevor der Druck steigt, und beantworte die Einladungen an einem Stück. Ein Satz reicht: „Danke für die Einladung, ich bin dieses Jahr zu Hause. Lass uns im Januar etwas ausmachen." Das Angebot für später nimmt der Absage jede Schärfe und ist trotzdem ehrlich.

Was eher nicht hilft

Offen lassen und schauen, wie man sich fühlt. Eine unentschiedene Einladung läuft zwei Wochen lang im Kopf mit. Der Abend selbst kostet weniger Kraft als die Zeit davor.

Zusagen, um niemanden zu enttäuschen. Das verschiebt das unangenehme Gefühl nur auf den Abend und nimmt dir die eigene Entscheidung über deine Zeit.

Den Abend für einen Neuanfang nutzen. Rückblick und Vorsätze brauchen Ruhe und einen klaren Kopf. Beides hat an einem Abend zwischen anderen Menschen und einem Countdown wenig Platz, besser passen ein ruhiger Nachmittag für den Jahresrückblick und ein separater Termin für gute Vorsätze.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Die vier Schritte oben sind genau der Ablauf von Werkzeug Nr. 2 „Schwierige Entscheidungen treffen": Optionen sichtbar machen, eigene Kriterien festlegen, danach abwägen. In Klarstern führt dich die App durch diese Reihenfolge, auch bei Entscheidungen, die deutlich größer sind als ein Abend im Dezember.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Ist es schlimm, Silvester allein zu verbringen?

Nein. Für manche Menschen ist ein ruhiger Abend allein die Variante, die am besten passt, gerade nach den Feiertagen mit viel Gesellschaft. Unangenehm wird es meist erst, wenn man den Abend nicht gewählt hat, sondern ihn als Rest empfindet. Deshalb lohnt es sich, aktiv zu entscheiden und den Abend zu planen.

Wie sage ich eine Silvestereinladung ab, ohne jemanden zu kränken?

Kurz, freundlich und ohne lange Begründung, verbunden mit einem Angebot für einen anderen Termin. Je knapper die Absage, desto weniger Verhandlung entsteht. Absagen kommen bei anderen in der Regel deutlich harmloser an, als sie sich beim Schreiben anfühlen.

Warum fühle ich mich an Silvester besonders unter Druck?

Weil an diesem Abend fast alle gleichzeitig etwas vorhaben und viel davon sichtbar ist. Dazu kommt die Vorstellung, dass dieser Abend etwas über das ganze Jahr aussagt. Beides zusammen macht aus einem normalen Abend eine Prüfung, die es nicht gibt.

Was mache ich, wenn ich den Jahreswechsel gerade nicht feiern kann?

Dann planst du den Abend so, dass er gut auszuhalten ist: etwas Vertrautes, ein fester Zeitpunkt zum Schlafengehen, wenn möglich ein kurzer Kontakt zu einem Menschen. Wenn dich die Zeit um den Jahreswechsel stark belastet und das über Wochen anhält, sprich mit deiner Hausarztpraxis darüber.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Bohns, V. K. (2016). (Mis)Understanding our influence over others. Current Directions in Psychological Science, 25(2), 119-123.
  • Patrick, V. M. & Hagtvedt, H. (2012). „I don't" versus „I can't". Journal of Consumer Research, 39(2), 371-381.
  • Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human Relations, 7(2), 117-140.
  • Sonnentag, S. & Fritz, C. (2007). The Recovery Experience Questionnaire. Journal of Occupational Health Psychology, 12(3), 204-221.

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