Ein ganz normaler Mittwoch. Nichts ist passiert. Trotzdem sitzt du in der Bahn, schaust aus dem Fenster und hast plötzlich einen Kloß im Hals. Du gehst die letzten Tage durch und findest nichts, was das erklärt.
Für viele ist das der unangenehmste Teil: nicht die Traurigkeit selbst, sondern dass sie sich nicht begründen lässt. Ein Gefühl ohne Erklärung fühlt sich schnell unberechtigt an. Aus dieser Bewertung entsteht eine zweite Last.
Warum taucht Traurigkeit ohne erkennbaren Anlass auf?
Gefühle brauchen keine Nachricht als Auslöser. Oft ist der Anlass körperlich: eine kurze Nacht, eine Erkältung, die nachwirkt, Hunger, Hormonschwankungen, zu viele Termine. Der Körper macht die Stimmung, nicht nur andersherum.
Ein zweiter Grund ist zeitlich verschoben. Belastung fällt oft nicht auf, solange sie läuft. Sie meldet sich, wenn der Druck nachlässt: am ruhigen Wochenende, im Urlaub, nach einem Projektabschluss. Was du dann spürst, gehört zu den Wochen davor.
Dritter Grund: die Umgebung. Wenig Tageslicht wirkt auf viele Menschen spürbar, besonders im Herbst. Was dagegen hilft, steht in Herbstblues.
Und schließlich gibt es Traurigkeit, die einfach zum Menschsein gehört. Nicht jedes Gefühl ist ein Problem, das gelöst werden will.
Was die Forschung zeigt
Matthew Lieberman und Kollegen berichteten 2007, dass das Benennen von Gefühlen die Reaktion des Gehirns auf belastende Reize dämpft. Wer „Ich bin traurig" denkt oder aufschreibt, verändert also etwas, auch wenn sich an der Lage nichts ändert. Wie du genauere Worte findest, steht in Gefühle benennen.
Der zweite Befund betrifft das, was danach passiert. Susan Nolen-Hoeksema, Blair Wisco und Sonja Lyubomirsky fassten 2008 zusammen, dass Grübeln eine gedrückte Stimmung verlängert und die dahinterliegenden Probleme nicht löst. Das ist die entscheidende Unterscheidung: Traurigkeit spüren ist etwas anderes als zu durchsuchen, woher sie kommt. Das erste geht vorbei, das zweite hält sie fest.
Dazu passt ein Befund von Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert aus dem Jahr 2010: Ein abschweifender Kopf hängt mit schlechterer Stimmung zusammen, unabhängig davon, womit man gerade beschäftigt ist. Wieder bei der Sache zu sein hilft oft mehr als die Suche nach der Ursache.
Vorübergehende Traurigkeit oder anhaltend gedrückte Stimmung?
Diese Unterscheidung ist wichtig und sie ist nichts, was du selbst entscheiden musst. Es geht hier nur um die grobe Richtung.
Vorübergehende Traurigkeit schwankt. Sie ist morgens anders als abends, sie lässt sich von einem Gespräch oder einem Spaziergang berühren und sie hat ein Ende, meist nach Stunden oder wenigen Tagen. Der Alltag läuft weiter, wenn auch schwerer.
Eine anhaltend gedrückte Stimmung verhält sich anders. Sie bleibt über Wochen, sie lässt sich von außen kaum bewegen und Dinge, die sonst Freude gemacht haben, erreichen dich nicht mehr. Oft kommen Schlaf, Appetit und Antrieb ins Rutschen. Nichts davon musst du an dir selbst festmachen. Dafür gibt es ärztliche Anlaufstellen, der Abschnitt unten nennt sie.
Die Zehn-Minuten-Begleitung
Diese Anleitung ist für einen traurigen Tag gedacht, nicht für eine Stimmung, die seit Wochen anhält.
1. Benennen, ohne zu erklären
Schreib einen Satz auf: „Ich bin gerade traurig." Kein „weil", keine Rechtfertigung. Passt ein genaueres Wort, nimm es: schwer, leer, wehmütig, dünnhäutig. Mehr ist hier nicht nötig.
2. Den Körper abfragen
Geh kurz durch: Wie viel hast du geschlafen? Wann hast du zuletzt gegessen? Wann warst du zuletzt draußen im Hellen? Läuft seit Wochen eine anstrengende Phase? Oft steht die Antwort hier.
3. Der Traurigkeit zwanzig Minuten geben
Setz dir einen Zeitraum, in dem das Gefühl da sein darf, ohne dass du etwas dagegen unternimmst. Musik, ein Fenster, eine Tasse Tee. Danach geht der Tag weiter. Der Rahmen verhindert, dass aus Spüren ein Durchsuchen wird.
4. In Bewegung und in Kontakt gehen
Geh danach zwanzig Minuten nach draußen, am besten bei Tageslicht, und schreib einem Menschen, den du magst. Nicht, um die Traurigkeit loszuwerden, sondern damit der Tag nicht nur aus ihr besteht.
Was eher nicht hilft
Nach dem Grund suchen, bis er gefunden ist. Das fühlt sich nach Klärung an, hält die Stimmung aber warm.
Das Gefühl wegdrücken und funktionieren. Weggeschobene Traurigkeit wird selten kleiner. Sie kommt später und oft an einem ungünstigeren Tag zurück.
Den Abend am Bildschirm verbringen. Scrollen füllt die Zeit, bringt aber weder Licht noch Bewegung noch Kontakt.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Sprich mit deiner Hausarztpraxis, wenn eine gedrückte Stimmung länger als zwei Wochen anhält, wenn dich Dinge nicht mehr erreichen, die dir sonst etwas bedeutet haben, wenn Schlaf oder Appetit sich deutlich verändern oder wenn dein Alltag spürbar leidet. Das ist der richtige erste Schritt, auch wenn du unsicher bist, ob es „schlimm genug" ist. Die Einschätzung ist Aufgabe der Praxis, nicht deine.
Die Hausarztpraxis kann körperliche Ursachen prüfen und die nächsten Schritte einleiten. Bei der Suche nach einer psychotherapeutischen Sprechstunde hilft die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Bundesvereinigung unter 116117. Verlässliche Informationen zu depressiven Erkrankungen gibt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Wo die Grenze zwischen Selbsthilfe und professioneller Unterstützung verläuft, steht in Selbsthilfe oder Unterstützung?.
Wenn es dir sehr schlecht geht oder du in einer akuten Krise bist, warte nicht ab. Die TelefonSeelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar, die Nummern stehen unten.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Benennen statt bewerten ist die Grundlage aller sechs Klarstern-Werkzeuge: erst hinschreiben, was da ist, dann entscheiden, was damit passiert. In Klarstern bekommst du dafür eine Reihenfolge statt eines leeren Blattes.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.