Stress abbauen: Was hilft, wenn der Körper nicht mehr runterkommt

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 5 Min. Lesezeit

Illustration: Eine angespannte Wellenlinie, die nach rechts ruhiger wird

Es ist halb acht am Abend. Der Tag ist vorbei, die Tür ist zu, niemand will mehr etwas von dir. Trotzdem sitzt etwas in der Brust, das nicht weggeht, und deine Schultern stehen zwei Zentimeter höher als sonst.

Du machst das Naheliegende. Du legst dich hin, atmest tief ein, sagst dir, dass jetzt Feierabend ist. Zehn Minuten später bist du immer noch da, nur liegend. Das ist kein Versagen. Es ist ein Hinweis darauf, dass Anspannung nicht auf Ansagen hört.

Warum lässt sich Stress nicht einfach abstellen?

Anspannung ist eine Reaktion, keine Entscheidung. Wenn der Körper hochgefahren ist, folgt er einer Logik, die dich schnell und wachsam machen soll. Diese Logik kennt keinen Feierabend, sie kennt nur die Frage, ob gerade noch etwas zu regeln ist.

Deshalb scheitert der übliche erste Versuch so zuverlässig. Sich vorzunehmen, jetzt nicht mehr an die Sache zu denken, macht sie in aller Regel lauter. Daniel Wegner zeigte 1987, dass genau der Versuch, einen Gedanken zu unterdrücken, ihn häufiger zurückbringt. Der Kopf muss den Gedanken kurz aufrufen, um ihn zu vermeiden, und ruft ihn damit auf.

Der zweite Grund ist banaler. Vieles, was du Stress nennst, ist in Wahrheit eine Liste. Offene Punkte, halbe Entscheidungen, ein Gespräch, das noch aussteht. E. J. Masicampo und Roy Baumeister zeigten 2011, dass unerledigte Ziele die Aufmerksamkeit stören und sich immer wieder melden, bis es einen konkreten Plan gibt. Nicht die Erledigung beruhigte in ihren Untersuchungen, sondern der Plan. Solange also nichts notiert ist, arbeitet dein Kopf im Hintergrund weiter.

Was zeigt die Forschung zum schnellen Runterkommen?

Am besten untersucht ist der Weg über die Atmung. Andrea Zaccaro und Kolleginnen und Kollegen fassten 2018 die Forschung zu langsamem, kontrolliertem Atmen zusammen. Der Befund: Langsames Atmen mit einem längeren Ausatmen als Einatmen hängt mit mehr Ruhe und geringerer Erregung zusammen. Entscheidend ist dabei nicht die Tiefe, sondern das Tempo. Das ist der Grund, warum tiefes Einatmen allein wenig bringt und manche Menschen davon sogar unruhiger werden. Wie eine solche Runde konkret abläuft, steht in der Atemübung für zwischendurch.

Der zweite gut belegte Hebel ist Bewegung in der Natur. Gregory Bratman und Kolleginnen und Kollegen fanden 2015, dass ein Spaziergang in natürlicher Umgebung das Kreisen der Gedanken senkt, ein Spaziergang an einer stark befahrenen Straße dagegen nicht. Die Bewegung allein war es also nicht.

Der dritte Hebel ist sprachlich. Matthew Lieberman und Kolleginnen und Kollegen zeigten 2007, dass das Benennen eines Gefühls dessen Heftigkeit senkt. Nicht beschreiben, nicht erklären, sondern benennen: „Das ist Druck", „Das ist Ärger", „Das ist Angst, etwas zu verpassen". Ein Wort reicht und es wirkt zuverlässiger als der Versuch, sich das Gefühl auszureden.

Und ein ehrlicher Zusatz: Nichts davon ist ein Schalter. Diese Methoden senken die Anspannung um einige Grad. Sie ersetzen nicht, dass eine Belastung irgendwann auch inhaltlich kleiner werden muss.

Die Runde in fünf Schritten

Diese Runde dauert zehn bis fünfzehn Minuten. Sie folgt bewusst der Reihenfolge Körper, dann Kopf. Wenn du sie umdrehst, landest du beim Nachdenken über etwas, wofür dir gerade die Ruhe fehlt.

1. Zwei Minuten langsam ausatmen

Setz dich hin, Füße auf dem Boden. Atme normal ein und lass das Ausatmen etwa doppelt so lang werden. Nicht pressen, nicht zählen wie bei einer Prüfung. Zwei Minuten reichen. Du merkst den Unterschied selten als Entspannung, eher als ein leises Nachlassen der Dringlichkeit.

2. Einmal durch den Körper gehen

Geh von den Füßen nach oben und halte an drei Stellen kurz an: Kiefer, Schultern, Hände. Fast alle Menschen halten dort dauerhaft mehr Spannung, als sie brauchen. Lass jede Stelle beim Ausatmen bewusst locker. Wer das ausführlicher üben will, findet den langsameren Durchgang bei der Muskelentspannung.

3. Alles aufschreiben, was noch offen ist

Nimm ein Blatt und schreib alles auf, was in dir herumliegt. Unsortiert, in Stichworten, auch Kleinigkeiten. Die Liste wird oft länger als erwartet und das ist gut so. Was auf dem Papier steht, muss der Kopf nicht mehr im Blick behalten.

4. Das Gefühl benennen

Schau auf die Liste und schreib darunter in einem Satz, was du dabei fühlst. Ein Wort für das Gefühl, ein Halbsatz für den Grund: „Unruhe, weil ich nicht weiß, wie das Gespräch am Donnerstag läuft." Genau dieses Benennen ist der Mechanismus aus der Untersuchung von Lieberman.

5. Eine Sache wählen und den nächsten Schritt festlegen

Nicht die wichtigste, sondern die, die am lautesten ist. Schreib einen konkreten nächsten Schritt mit Zeitpunkt dahinter: „Morgen vor dem Mittag: Frau Berg anrufen." Alles andere bleibt auf der Liste und darf dort liegen bleiben. Der Kopf gibt ein Thema deutlich leichter frei, wenn er weiß, wann es wieder drankommt.

Was eher nicht hilft

Sich Entspannung vornehmen. Entspannung ist ein Ergebnis, kein Befehl. Wer sich selbst unter Druck setzt, jetzt endlich ruhig zu werden, hat dem Tag eine Aufgabe hinzugefügt statt eine weggenommen.

Den Abend mit dem Handy füllen. Scrollen beschäftigt den Kopf, senkt aber die Anspannung nicht. Es ist Ablenkung ohne Erholung und die offenen Punkte stehen danach unverändert da.

Auf das Wochenende warten. Zwei freie Tage können nicht ausgleichen, was fünf Abende lang fehlt. Kleine, wiederkehrende Entlastung wirkt verlässlicher als der eine große Ausgleich, der immer erst später kommt.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Genau für diese Reihenfolge gibt es Werkzeug Nr. 5 „Innere Unruhe und Angst": erst im Körper ankommen, dann Auslöser, Befürchtung und Verhalten auseinanderziehen. In Klarstern führt dich die App Schritt für Schritt hindurch, auch an den Abenden, an denen du selbst keine Ordnung mehr hineinbekommst. Wenn die Unruhe ohne erkennbaren Anlass kommt, lies ergänzend über innere Unruhe.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Wie kann ich Stress schnell abbauen, wenn ich nur fünf Minuten habe?

Nimm zwei Minuten langsames Ausatmen mit verlängerter Ausatmung, dann drei Minuten Schreiben. Erst der Körper, dann die Liste. Diese Reihenfolge bringt in kurzer Zeit mehr als fünf Minuten Nachdenken, weil Nachdenken bei hoher Anspannung selten zu einem Ergebnis führt.

Hilft Sport gegen Stress?

Bewegung senkt Anspannung zuverlässig, besonders draußen. In der Untersuchung von Bratman und Kolleginnen wirkte ein Spaziergang in der Natur auf das Gedankenkreisen, ein Spaziergang an einer lauten Straße nicht. Wenn du die Wahl hast, wähl die ruhigere Strecke.

Warum bin ich abends unruhig, obwohl der Tag gut lief?

Anspannung hängt nicht nur an schlechten Tagen. Ein voller Tag mit vielen Wechseln lässt den Körper hoch, auch wenn inhaltlich nichts schiefgegangen ist. Häufig sind es außerdem die kleinen offenen Punkte, die sich erst melden, wenn es still wird.

Was mache ich, wenn keine dieser Methoden etwas bewegt?

Dann liegt es meist nicht an der Methode, sondern an der Menge. Wenn die Anspannung über Wochen bleibt, dein Schlaf dauerhaft leidet oder du im Alltag nicht mehr hinterherkommst, sprich mit deiner Hausarztpraxis darüber. Das ist der Punkt, an dem Selbsthilfe allein nicht mehr das richtige Werkzeug ist.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Zaccaro, A. et al. (2018). How breath-control can change your life. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353.
  • Bratman, G. N. et al. (2015). Nature experience reduces rumination. PNAS, 112(28), 8567-8572.
  • Lieberman, M. D. et al. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421-428.
  • Masicampo, E. J. & Baumeister, R. F. (2011). Consider it done! Plan making can eliminate the cognitive effects of unfulfilled goals. Journal of Personality and Social Psychology, 101(4), 667-683.

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