Anzeichen von Stress: Was der Körper zeigt, wenn dauerhaft zu viel ist

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 6 Min. Lesezeit

Illustration: Eine ruhige Umrissform mit einzelnen hervorgehobenen Punkten

Es fängt selten dramatisch an. Du merkst, dass du morgens mit zusammengebissenen Zähnen aufwachst. Dass der Nacken seit Wochen nicht mehr locker war. Dass du abends müde bist und um halb zwei trotzdem wach liegst.

Jedes Einzelne davon lässt sich gut wegerklären. Falsches Kissen, zu wenig Bewegung, ein anstrengender Monat. Erst wenn mehrere Dinge zusammenkommen und bleiben, stellt sich die Frage, ob da ein Muster ist. Und genau an dieser Stelle ist Vorsicht wichtiger als eine schnelle Antwort.

Welche körperlichen Reaktionen berichten Menschen unter anhaltender Anspannung?

Die folgende Aufzählung ist eine Beschreibung, keine Einordnung. Sie sagt dir nicht, was bei dir vorliegt, und sie ist auch keine Liste zum Abhaken.

Muskeln und Haltung. Dauerhaft verspannter Nacken, harte Schultern, ein Kiefer, der nachts arbeitet. Viele merken es erst, wenn jemand anders es anspricht.

Schlaf. Schwer einschlafen, nachts aufwachen und wachliegen, früh wach sein ohne Grund. Häufig berichtet wird auch das Gefühl, trotz ausreichender Stunden nicht erholt zu sein.

Verdauung. Druck im Magen, Übelkeit, ein Bauch, der auf Termine reagiert, unregelmäßige Verdauung.

Herz und Atmung. Herzklopfen, ein schnellerer Puls in ruhigen Momenten, flacher Atem, das Gefühl, nicht tief durchatmen zu können.

Kopf. Kopfschmerzen, Druck hinter den Augen, das Gefühl, schwer zu denken oder Dinge häufiger zu vergessen.

Stimmung und Verhalten. Kurze Zündschnur, Rückzug von Verabredungen, weniger Geduld mit den Menschen, die dir am nächsten sind. Manche merken es zuerst daran, wie sie mit ihren Kindern sprechen.

Antrieb. Dinge, die früher nebenbei gingen, fühlen sich groß an. Der Abend reicht nicht mehr, um wieder in die Spur zu kommen.

Warum lassen sich diese Anzeichen nicht einfach zuordnen?

Weil sie unspezifisch sind. Herzklopfen, Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und schlechter Schlaf treten bei sehr vielen körperlichen und seelischen Zuständen auf. Sie können mit Schilddrüse, Eisenwert, Blutdruck, Medikamenten, einer Infektion, Schlafproblemen oder schlicht mit einer anstrengenden Lebensphase zusammenhängen. Der Körper hat für sehr verschiedene Ursachen nur eine begrenzte Anzahl an Ausdrucksformen.

Deshalb ist die ehrliche Auskunft an dieser Stelle unbequem: Eine Liste im Internet kann dir nicht sagen, woran es bei dir liegt. Ich kann es als Autorin dieses Artikels ebenso wenig. Was ein Text leisten kann, ist die Aufmerksamkeit zu schärfen. Was danach kommt, gehört in eine ärztliche Praxis.

Das gilt besonders für alles rund um Herz und Atmung. Herzklopfen, Druck in der Brust, Atemnot oder Schwindel gehören abgeklärt, und zwar bevor jemand sie mit Anspannung erklärt. Diese Reihenfolge ist nicht übervorsichtig, sie ist die richtige.

Was zeigt die Forschung zu anhaltender Belastung?

Am aussagekräftigsten ist weniger die Höhe der Belastung als die Frage, ob es Erholungsphasen gibt. Sabine Sonnentag und Charlotte Fritz beschrieben 2007 vier Erfahrungen, die Erholung ausmachen: gedanklich abschalten, entspannen, selbst entscheiden können und etwas, das fordert, ohne Arbeit zu sein. Fehlt eine davon dauerhaft, wird es auf Dauer eng, auch bei normaler Stundenzahl.

Johannes Wendsche und Andrea Lohmann-Haislah fassten 2017 die Forschung zum gedanklichen Abschalten zusammen. Wer schlechter abschaltet, berichtet mehr Erschöpfung und geringeres Wohlbefinden. Das ist ein Zusammenhang, kein Beleg für eine einfache Ursache. Es verschiebt aber die nützliche Frage von „Wie viel habe ich zu tun?" zu „Wann komme ich eigentlich raus?".

Und ein Wort zum Aufschreiben: Matthew Lieberman und Kolleginnen und Kollegen zeigten 2007, dass das Benennen eines Gefühls dessen Heftigkeit senkt. Das ist der Grund, warum das Protokoll im nächsten Abschnitt nicht nur der Beobachtung dient, sondern selbst schon etwas verändert.

Ein Protokoll über zwei Wochen: Anleitung in vier Schritten

Dieses Protokoll stellt nichts fest. Es sammelt, was du sonst vergisst, bis du in der Praxis sitzt und auf die Frage „Seit wann denn genau?" nur mit den Schultern zucken kannst.

1. Drei feste Zeitpunkte wählen

Morgens, nach der Arbeit, vor dem Schlafen. Immer dieselben drei. Zwei Minuten pro Eintrag reichen.

2. Beschreiben, nicht bewerten

Notier in Stichworten, was du körperlich wahrnimmst und wie stark auf einer Skala von null bis zehn. „Nacken hart, 6." „Magen flau, 4." Keine Erklärungen dazuschreiben, keine Ursachenvermutung. Das ist der schwierigste Teil, weil der Kopf sofort deuten will.

3. Den Kontext in einer Zeile festhalten

Was war in den zwei Stunden davor? Wie lange hast du geschlafen? Was hast du gegessen, getrunken, eingenommen? Diese Zeile macht später den Unterschied zwischen einer vagen Schilderung und einer nützlichen.

4. Nach zwei Wochen zusammenfassen

Lies alles durch und schreib eine halbe Seite: Was kam am häufigsten vor, seit wann etwa, was ist stärker geworden, was schränkt dich konkret ein. Diese halbe Seite nimmst du mit in die Hausarztpraxis. Sie ist dort mehr wert als jede Vermutung, die du dir vorher zurechtgelegt hast.

Wann du dir Unterstützung holen solltest

Alles oben ist Beobachtung und Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung. Es gibt einen Punkt, an dem eine Fachperson dran ist, und diesen Punkt zu erkennen ist keine Schwäche, sondern Umsicht.

Vereinbar einen Termin in deiner Hausarztpraxis, wenn eines davon zutrifft:

  • Eine körperliche Beschwerde hält länger als zwei bis drei Wochen an oder wird stärker.
  • Du hast Druck oder Schmerzen in der Brust, Atemnot, Schwindel oder Ohnmachtsgefühle. Das gehört zeitnah abgeklärt, bei plötzlichem starkem Brustschmerz sofort über die 112.
  • Du schläfst seit Wochen deutlich schlechter oder bist tagsüber ständig erschöpft.
  • Du kommst bei der Arbeit, im Studium oder zu Hause nicht mehr hinterher.
  • Dinge, die dir sonst guttun, fühlen sich leer an.
  • Du brauchst Alkohol oder andere Mittel, um abzuschalten.
  • Dir ist alles zu viel und du denkst daran, nicht mehr leben zu wollen.

Die Hausarztpraxis ist die richtige erste Adresse, weil sie körperliche Ursachen abklären kann und weiß, wohin es danach geht. Über die Terminservicestelle unter 116117 bekommst du Unterstützung bei der Vermittlung. Woran du festmachst, was noch Selbsthilfe ist und wo mehr dran ist, steht ausführlich in Selbsthilfe oder Unterstützung?. Wenn dich vor allem die Erschöpfung beschäftigt, hilft der Artikel erschöpft oder ausgebrannt? beim Sortieren.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Für diese Frage gibt es bewusst kein Werkzeug. Was sich einordnen lässt, gehört in ein Gespräch mit einer Fachperson. Was die Werkzeuge von Klarstern können, ist den Alltag drumherum leichter machen: den vollen Kopf sortieren, den Tag abschließen, Aufgaben so klein machen, dass sie mit wenig Kraft noch gehen.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Woran erkenne ich Dauerstress?

Weniger an einem einzelnen Anzeichen als an Dauer und Richtung. Wenn mehrere Reaktionen seit Wochen gleichzeitig da sind, sich nach freien Tagen kaum bessern und eher stärker werden, ist das ein Hinweis darauf, dass die Belastung länger anhält, als dein Körper sie ausgleicht. Was daraus folgt, klärst du am besten ärztlich.

Können körperliche Anzeichen auch andere Ursachen haben?

Ja, und das ist der wichtigste Satz in diesem Artikel. Herzklopfen, Kopfschmerzen, Magenbeschwerden oder Erschöpfung treten bei vielen körperlichen Zuständen auf. Anspannung ist eine mögliche Erklärung unter mehreren, nie eine sichere.

Wie lange darf ich abwarten?

Bei neuen oder stärker werdenden Beschwerden, die länger als zwei bis drei Wochen bleiben, lohnt sich ein Termin. Bei Brustschmerz, Atemnot, Schwindel oder Ohnmacht wartest du nicht ab.

Was kann ich tun, während ich auf einen Termin warte?

Führ das Protokoll weiter und halte die Grundlagen stabil: regelmäßige Zeiten, Bewegung, feste Pausen. Was im Alltag konkret Anspannung senkt, steht im Artikel über Stress abbauen. Das ersetzt die Abklärung nicht, macht die Zeit bis dahin aber leichter.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen erreichst du die TelefonSeelsorge kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.

Quellen

  • Sonnentag, S. & Fritz, C. (2007). The Recovery Experience Questionnaire. Journal of Occupational Health Psychology, 12(3), 204-221.
  • Wendsche, J. & Lohmann-Haislah, A. (2017). A meta-analysis on antecedents and outcomes of detachment from work. Frontiers in Psychology, 7, 2072.
  • Lieberman, M. D. et al. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421-428.
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117. https://www.116117.de

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