4-7-8-Atmung: So nutzt du die Atemtechnik zum Einschlafen

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 8 Min. Lesezeit

Illustration: Schlafzimmerfenster mit Mondsichel, davor drei sanfte Wellenlinien unterschiedlicher Länge

Es ist zwanzig nach elf. Das Licht ist aus, die Decke liegt richtig und eigentlich bist du müde genug. Trotzdem liegst du auf dem Rücken und merkst, dass dein Atem nicht zum Rest passt. Er geht kurz und flach, als wärst du noch auf dem Weg vom Auto zur Haustür.

Irgendwo hast du von dieser Zählübung gelesen, vier, sieben, acht. Du probierst es, zählst zu schnell, hältst die Luft zu lange an und liegst danach wacher da als vorher. Das liegt nicht an dir. Es liegt meistens daran, wie die Übung erklärt wird.

Wie funktioniert die 4-7-8-Atmung?

Du atmest vier Zählzeiten durch die Nase ein, hältst die Luft sieben Zählzeiten an und atmest acht Zählzeiten hörbar durch den Mund aus. Das ist eine Runde, für den Anfang machst du vier davon. Das Tempo der Zählzeiten bestimmst du selbst, wichtig ist nur das Verhältnis.

Bekannt gemacht hat die Technik der US-amerikanische Arzt Andrew Weil, angelehnt an Atemübungen aus dem Yoga. In seiner Version liegt die Zungenspitze dabei hinter den oberen Schneidezähnen und du atmest mit einem leisen Rauschen um die Zunge herum aus. Dieses Detail darfst du weglassen, wenn es dich irritiert. Entscheidend ist, dass die Ausatmung doppelt so lang dauert wie die Einatmung.

Der Mechanismus dahinter ist kein Geheimnis. Beim Einatmen steigt der Puls leicht an, beim Ausatmen sinkt er wieder. Wer die Ausatmung verlängert, verbringt mehr Zeit in der Phase, in der der Körper bremst. Das Anhalten der Luft verlangsamt den ganzen Rhythmus zusätzlich: Wenn eine Zählzeit etwa eine Sekunde dauert, kommst du auf gut drei Atemzüge pro Minute. Das ist deutlich langsamer als der Atem, mit dem du gerade ins Bett gegangen bist.

Hilft die 4-7-8-Atmung beim Einschlafen?

Sie kann helfen, den Körper herunterzufahren. Das ist eine gute Voraussetzung für den Schlaf, aber noch kein Schlaf. Einen Beleg dafür, dass Menschen mit genau dieser Technik schneller einschlafen, gibt es bisher nicht.

Einschlafen hat zwei Seiten, den Körper und den Kopf. Die Atmung erreicht vor allem den Körper. Puls und Atem werden langsamer, die Schultern sinken, die Unruhe im Brustkorb lässt nach. Wenn dich abends nur diese körperliche Anspannung wachhält, ist die 4-7-8-Atmung ein gutes Werkzeug.

Bei vielen ist es aber der Kopf. Die Mail, die morgen noch raus muss. Der Elternbrief, der bis Freitag unterschrieben sein soll. Der Satz aus dem Meeting, der komisch klang. Dann passiert etwas, das viele kennen: Der Körper wird ruhig und der Kopf arbeitet ungestört weiter. Warum das abends so ist und was davor hilft, steht ausführlich im Artikel über Einschlafprobleme, wenn der Kopf weiterarbeitet.

Dazu kommt der Druck. Einschlafen gelingt umso schlechter, je mehr du es willst. Wer die 4-7-8-Atmung als Prüfung benutzt, bei der es jetzt aber klappen muss, baut genau die Anspannung auf, die sie lösen soll.

Atemtechnik zum Einschlafen: welche passt?

Wenn dir das Luftanhalten leichtfällt, ist die 4-7-8-Atmung eine gute Wahl für den Abend im Bett. Wenn es dich stresst oder dir dabei schwindlig wird, nimm eine einfachere Form ohne Pause, etwa vier Zählzeiten ein und sechs aus. Beide arbeiten mit demselben Prinzip, der langen Ausatmung.

Die einfache Variante ohne Anhalten eignet sich besonders für tagsüber, im Büro, im Auto oder vor einem Gespräch, weil sie unauffällig ist und in Anspannung leichter gelingt. Sie steht als Anleitung im Artikel Atemübung gegen Stress. Die 4-7-8-Atmung ist eher etwas für den ruhigen Moment, in dem du schon liegst und Zeit hast.

Wenn du merkst, dass der Körper vor allem verspannt ist, Kiefer fest, Schultern hochgezogen, ist die progressive Muskelentspannung im Bett oft der greifbarere Weg, weil die Muskeln etwas zu tun bekommen. Wer lieber gar nichts tut und nur die Aufmerksamkeit lenkt, findet im autogenen Training zum Einschlafen eine Alternative. Eine richtige Technik für alle gibt es nicht. Probier zwei davon je eine Woche lang aus und bleib bei der, die sich am wenigsten nach Arbeit anfühlt.

Was zeigt die Forschung zur 4-7-8-Atmung?

Ehrlich vorweg: Speziell zur 4-7-8-Atmung ist die Studienlage dünn. Jaruwan Vierra, Orachorn Boonla und Piyapong Prasertsri untersuchten 2022 dreiundvierzig gesunde junge Erwachsene, ein Teil davon nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf. Nach drei Durchgängen mit der 4-7-8-Atmung sanken in beiden Gruppen Herzfrequenz und oberer Blutdruckwert. In der ausgeschlafenen Gruppe stieg außerdem ein Maß der Herzratenvariabilität, das mit dem bremsenden Anteil des Nervensystems zusammenhängt. Das ist eine kleine Studie, die nur den Moment direkt danach gemessen hat. Wie schnell jemand einschläft, wurde nicht untersucht.

Besser belegt ist das Prinzip dahinter. Andrea Zaccaro und Kolleginnen und Kollegen fassten 2018 die Forschung zu langsamem Atmen zusammen: Langsames Atmen geht mit Zeichen von mehr Ruhe einher, sowohl körperlich als auch im Erleben. Gleichzeitig betonen sie, dass viele Untersuchungen klein sind und die Ergebnisse uneinheitlich ausfallen.

Melis Yilmaz Balban und Kolleginnen und Kollegen ließen 2023 Teilnehmende einen Monat lang täglich fünf Minuten entweder eine von drei Atemformen üben oder meditieren. Am deutlichsten verbesserte sich die Stimmung beim sogenannten zyklischen Seufzen, einer Atemform mit betont langer Ausatmung. Die 4-7-8-Atmung war nicht dabei. Die Studie stützt aber die Idee, dass die Ausatmung der wirksame Teil ist.

Für den Kopf gibt es einen anderen Befund. Michael Scullin und Kolleginnen und Kollegen ließen 2018 junge Erwachsene vor der Nacht im Schlaflabor fünf Minuten schreiben. Wer eine konkrete Liste der anstehenden Aufgaben schrieb, schlief schneller ein als diejenigen, die Erledigtes notierten. Je genauer die Liste, desto deutlicher der Unterschied. Was aufgeschrieben ist, muss der Kopf nicht mehr festhalten.

Die 4-7-8-Atmung im Bett: Anleitung in fünf Schritten

Die ganze Runde dauert etwa fünf Minuten plus ein paar Minuten davor am Tisch. Sie macht dich nicht auf Knopfdruck müde. Sie sorgt dafür, dass Körper und Kopf zur selben Zeit Feierabend haben.

1. Vor dem Zubettgehen den Kopf leeren

Setz dich fünf Minuten vor dem Schlafengehen hin, nicht im Bett, sondern am Tisch oder auf dem Sofa. Schreib auf, was morgen ansteht, so konkret wie möglich: „Um neun die Mail an Frau Berg, Betreff Termin Dezember." Damit hat jeder offene Punkt einen Platz, an dem er bis morgen wartet. Die meisten lassen diesen Schritt weg. Dabei entscheidet er oft mehr als die Atmung selbst.

2. Hinlegen und zweimal einfach ausatmen

Leg dich so hin, wie du einschlafen möchtest, auf den Rücken oder auf die Seite. Bevor du zählst, lässt du die Luft zweimal ohne Steuerung heraus, wie ein leises Seufzen. Das nimmt den Impuls, mit einem besonders tiefen Atemzug zu starten, der die Übung meistens anstrengender macht.

3. Vier ein, sieben halten, acht aus

Atme durch die Nase ein und zähl dabei ruhig bis vier. Halte die Luft an und zähl bis sieben, ohne zu pressen und ohne die Schultern hochzuziehen. Dann atme durch den leicht geöffneten Mund aus und zähl bis acht. Nimm dabei nur so viel Luft, wie mühelos geht. Die Übung wirkt über das Tempo, nicht über die Menge.

4. Vier Runden, dann loslassen

Mach für den Anfang vier Runden und hör dann auf zu zählen. Atme einfach weiter, wie es von selbst kommt. Bleib dabei liegen. Mehr Runden bringen nicht mehr Wirkung, sondern meist mehr Schwindel. Wenn die Gedanken danach wieder anklopfen, kannst du eine weitere Runde anhängen, mehr nicht.

5. Anpassen, wenn es nicht passt

Wenn dir beim Luftanhalten schwindlig oder eng wird, verkürze die Zählzeiten, etwa auf zwei, vier und fünf, oder lass das Anhalten ganz weg. Das Verhältnis zählt, nicht die Zahl sieben. Wenn du nach etwa zwanzig Minuten noch hellwach bist, steh kurz auf, geh in ein anderes Zimmer mit wenig Licht und komm erst zurück, wenn du müde wirst. Bei Erkrankungen der Lunge oder des Herzens oder in der Schwangerschaft besprich Übungen mit Luftanhalten vorher ärztlich.

Was eher nicht hilft

Die Luft mit Kraft anhalten. Wer die sieben Zählzeiten durchhält, indem er die Kehle zudrückt und die Brust festhält, erzeugt Anspannung statt Ruhe. Die Pause soll sich anfühlen wie ein kurzes Innehalten, nicht wie Tauchen.

Zählen, bis es endlich wirkt. Zehn Runden hintereinander machen dich nicht müder, sondern oft benommen und wacher. Vier Runden und dann Ruhe ist die bessere Abmachung.

Die Übung zum ersten Mal in einer schlimmen Nacht ausprobieren. Wer sie nur im Ernstfall einsetzt, erlebt meist nichts außer Frust. Üb sie ein paar Abende lang, wenn es dir gut geht. Dann ist sie da, wenn du sie brauchst.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Die 4-7-8-Atmung bringt den Körper herunter. Was den Kopf ruhig macht, ist der erste Schritt aus der Anleitung: den Tag abschließen, bevor du dich hinlegst. Genau das macht Werkzeug Nr. 4 „Feierabend im Kopf" mit dir, mit Akkustand, Waage des Tages und einem festen Platz für alles, was offen ist. Klarstern führt dich in wenigen Minuten hindurch, sodass du ins Bett gehst, wenn der Tag wirklich vorbei ist.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Was ist die 4-7-8-Methode?

Die 4-7-8-Methode ist dasselbe wie die 4-7-8-Atmung: vier Zählzeiten einatmen, sieben die Luft anhalten, acht ausatmen. Bekannt geworden ist sie durch den Arzt Andrew Weil, angelehnt an Atemübungen aus dem Yoga. Sie wird vor allem abends zum Herunterkommen genutzt.

Wie oft sollte man die 4-7-8-Atmung machen?

Für den Anfang reichen vier Runden pro Durchgang, einmal am Abend im Bett und gern einmal tagsüber zum Üben. Wichtiger als die Menge ist die Regelmäßigkeit. Nach ein, zwei Wochen fühlt sich der Rhythmus vertraut an und gelingt auch dann, wenn du angespannt bist.

Warum wird mir bei der 4-7-8-Atmung schwindelig?

Meist atmest du zu tief ein oder hältst die Luft zu angestrengt an. Nimm weniger Luft, verkürze die Zählzeiten oder lass das Anhalten weg. Wenn der Schwindel trotzdem regelmäßig auftritt, sprich mit deiner Hausarztpraxis darüber.

Welche Atemübungen zum Einschlafen gibt es noch?

Am einfachsten ist ein Rhythmus ohne Pause mit längerer Ausatmung, etwa vier ein und sechs aus. Wer statt mit dem Atem lieber mit den Muskeln arbeitet, ist mit der progressiven Muskelentspannung gut beraten. Weitere Wege zur Ruhe am Abend sammelt die Themenseite Schlaf und Entspannung.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Vierra, J., Boonla, O. & Prasertsri, P. (2022). Effects of sleep deprivation and 4-7-8 breathing control on heart rate variability, blood pressure, blood glucose, and endothelial function in healthy young adults. Physiological Reports, 10(13), e15389.
  • Zaccaro, A. et al. (2018). How breath-control can change your life: A systematic review on psycho-physiological correlates of slow breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353.
  • Balban, M. Y. et al. (2023). Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine, 4(1), 100895.
  • Scullin, M. K. et al. (2018). The effects of bedtime writing on difficulty falling asleep: A polysomnographic study comparing to-do lists and completed activity lists. Journal of Experimental Psychology: General, 147(1), 139-146.

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