Gelassenheit lernen: Es ist keine Eigenschaft, sondern eine Entscheidung

Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.) Von , Psychologin (M.Sc.) · Veröffentlicht am · 5 Min. Lesezeit

Illustration: Ein Stein im Wasser mit ruhig auslaufenden Ringen

Die Mail kommt um 16:40. Zwei Sätze, sachlich, am Ende ein „bitte zeitnah klären". Du liest sie dreimal. Dann liest du sie ein viertes Mal und suchst, in welchem Ton sie gemeint war.

Um neunzehn Uhr stehst du am Herd und formulierst im Kopf die Antwort. Um halb elf liegst du im Bett und hast sie mittlerweile in vier Varianten durchgespielt. Du warst sechs Stunden mit zwei Sätzen beschäftigt, die in zehn Minuten zu beantworten gewesen wären. Die Mail hat sich in dieser Zeit nicht verändert. Du schon.

Warum ist Gelassenheit keine Charaktereigenschaft?

Die verbreitete Vorstellung lautet: Es gibt gelassene Menschen und aufgeregte Menschen und man gehört zu einer dieser Gruppen. Das ist bequem, weil man dann nichts machen muss. Es passt nur schlecht zu der Erfahrung, dass dieselbe Person an einem Tag etwas abhaken kann, was sie am nächsten Tag stundenlang beschäftigt.

Was sich zwischen diesen beiden Tagen unterscheidet, ist selten die Persönlichkeit. Es ist die Frage, wo die Aufmerksamkeit landet und wie lange sie dort bleibt. Dieselbe Mail bekommt an einem Tag zehn Minuten und am anderen sechs Stunden. Der Unterschied liegt nicht im Anlass, sondern in der Zuteilung.

Deshalb ist „ruhiger werden" ein wenig hilfreiches Ziel. Ruhe ist ein Zustand, den du nicht direkt herstellen kannst. Wohin du schaust, kannst du beeinflussen, nicht perfekt und nicht immer, aber deutlich zuverlässiger als dein Erregungsniveau. Gelassenheit ist in diesem Sinn weniger ein Gefühl als eine wiederholte kleine Entscheidung.

Was zeigt die Forschung dazu?

Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert erfassten 2010 über Tausende Alltagsmomente, womit Menschen gerade beschäftigt waren und wie sie sich fühlten. Ihr Ergebnis: Wenn die Gedanken abschweiften, war die Stimmung schlechter, und zwar unabhängig von der Tätigkeit. Entscheidend war nicht, was die Menschen taten, sondern ob sie bei der Sache waren. Das ist der nüchterne Kern des Themas. Aufmerksamkeit ist nicht nur ein Mittel, um Dinge zu erledigen, sie bestimmt mit, wie ein Tag sich anfühlt.

Die naheliegende Reaktion funktioniert allerdings nicht. Daniel Wegner und Kolleginnen und Kollegen zeigten 1987, dass der Versuch, einen Gedanken nicht zu denken, ihn häufiger und drängender zurückbringt. „Ich rege mich jetzt nicht mehr darüber auf" ist deshalb eine der unzuverlässigsten Anweisungen, die man sich selbst geben kann. Gelassenheit entsteht nicht durch Verbot.

Was besser trägt, ist eine Verabredung mit sich selbst. Thomas Borkovec und Kolleginnen und Kollegen beschrieben 1983 ein Vorgehen, bei dem Sorgen nicht unterdrückt, sondern auf eine feste Zeit verlegt werden: eine begrenzte Spanne am Tag, in der das Thema seinen Platz bekommt. Der Gedanke verschwindet dadurch nicht, aber er hört auf, jederzeit Zugriff zu haben. Mehr zu diesem Mechanismus steht im Artikel über das Gedankenkarussell und wie du es anhältst.

Und zur Erwartungshaltung ein ehrlicher Punkt: Phillippa Lally und Kolleginnen und Kollegen fanden 2010, dass neue Gewohnheiten sehr unterschiedlich lange brauchen, im Mittel etwa zwei Monate, mit großer Streuung. Wer nach zwei Wochen keine Veränderung bemerkt, hat nichts falsch gemacht.

Die Aufmerksamkeitsprobe: Anleitung in fünf Schritten

Die folgende Runde dauert zehn Minuten und ist für den Moment gedacht, in dem du merkst, dass dich etwas länger beschäftigt als es wert ist. Sie macht dich nicht ruhig. Sie klärt, ob das Thema deine Aufmerksamkeit weiter bekommt.

1. Das Thema in einem Satz aufschreiben

Nicht in Stichworten, sondern als ein vollständiger Satz, der benennt, was dich beschäftigt. „Ich weiß nicht, ob der Satz in der Mail ein Vorwurf war." Solange ein Thema unausgesprochen bleibt, ist es größer als nötig und gleichzeitig nicht greifbar.

2. Prüfen, ob es veränderbar ist

Stell eine einzige Frage: Kann ich daran in den nächsten sieben Tagen etwas tun? Nicht, ob du es lösen kannst. Nur, ob es einen Schritt gibt. Die Antwort ist fast immer ein klares Ja oder ein klares Nein, wenn du sie zum ersten Mal ernst stellst.

3. Bei Ja: den kleinsten Schritt festlegen, mit Zeitpunkt

Schreib einen Schritt auf, der in zehn Minuten machbar ist, dazu einen festen Zeitpunkt. „Morgen um neun: Nachfrage an Frau Berg, ob der Satz so gemeint war." Damit ist das Thema versorgt. Die Aufmerksamkeit bekommt eine Adresse, an die sie es abgeben kann.

4. Bei Nein: verbindlich parken

Trag das Thema in eine feste Spanne ein, etwa zwanzig Minuten morgen um achtzehn Uhr. Dort darf es ausführlich kommen. Davor gilt: notiert, nicht verdrängt. Das ist der Unterschied zum Wegdrücken und es ist der Grund, warum es funktioniert.

5. Die Aufmerksamkeit auf etwas Konkretes legen

Wähl eine Sache, die du jetzt tust, und nimm bewusst drei Details davon wahr: Geschirr spülen, Wäsche falten, einen Weg gehen. Das ist kein Ablenkungsmanöver, sondern die zweite Hälfte der Entscheidung. Aufmerksamkeit lässt sich von etwas wegnehmen nur, indem du sie auf etwas anderes legst.

Was eher nicht hilft

Sich vornehmen, gelassener zu sein. Ein Vorsatz ohne Verfahren hält bis zur ersten Zumutung. Wirksamer ist eine feste Frage, die du in diesem Moment stellst, auch wenn du dabei nicht ruhig bist.

Alles gleich klein reden. „Das ist doch nicht so wichtig" ist eine Bewertung, die oft nicht stimmt und die Aufregung dann verdoppelt, weil du dich zusätzlich für sie schämst. Erst einordnen, dann entscheiden, wie im Artikel über Loslassen lernen beschrieben.

Im Moment der Aufregung diskutieren. Wenn die Erregung hoch ist, geht es zuerst um Herunterkommen, nicht um Klärung. Wie das praktisch aussieht, steht im Artikel über Wut und wie du wieder herunterkommst.

Das Werkzeug zum Mitnehmen

Genau diese Abfolge steckt in Werkzeug Nr. 3 „Gedankenkreisen": prüfen, ob etwas veränderbar ist, bei Ja einen Schritt festlegen, bei Nein das Thema in eine Sorgenzeit parken. Klarstern stellt dir die Fragen in der richtigen Reihenfolge, auch dann, wenn du gerade nicht in der Lage bist, dir selbst die richtige Frage zu stellen.

Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Häufige Fragen

Kann man Gelassenheit wirklich lernen?

Übbar ist nicht der Zustand, sondern die Entscheidung: prüfen, ob ein Thema veränderbar ist, dann entweder einen Schritt festlegen oder es auf eine feste Zeit verlegen. Diese Abfolge wird mit Wiederholung schneller. Wie lange es dauert, bis sie sich von allein einstellt, ist individuell sehr unterschiedlich.

Wie werde ich gelassener, wenn mich etwas gerade stark aufregt?

Im Hochpunkt der Aufregung triffst du keine gute Entscheidung. Sinnvoll ist, erst für ein paar Minuten den Körper herunterzubringen, etwa durch langsames Atmen oder Bewegung, und das Thema danach aufzuschreiben. Danach stellst du die Frage nach dem nächsten Schritt.

Bedeutet Gelassenheit, dass mir Dinge weniger wichtig sind?

Nein. Sie bedeutet, dass du über die Menge an Aufmerksamkeit entscheidest, die etwas bekommt. Ein Thema kann dir sehr wichtig sein und trotzdem nicht sechs Stunden deines Abends gehören.

Warum klappt es nicht, einfach nicht mehr daran zu denken?

Weil das Wegdrücken eines Gedankens ihn in der Regel verstärkt. Die Forschung zur Gedankenunterdrückung zeigt das deutlich. Ein notierter nächster Schritt oder eine feste Zeit für das Thema wirkt verlässlicher als der Vorsatz, es zu ignorieren.


Christina Kubanke, Psychologin (M.Sc.)Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.

Dieser Artikel dient der Selbsthilfe bei alltäglicher Belastung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen

  • Killingsworth, M. A. & Gilbert, D. T. (2010). A wandering mind is an unhappy mind. Science, 330(6006), 932.
  • Wegner, D. M. et al. (1987). Paradoxical effects of thought suppression. Journal of Personality and Social Psychology, 53(1), 5-13.
  • Borkovec, T. D. et al. (1983). Stimulus control applications to the treatment of worry. Behaviour Research and Therapy, 21(3), 247-251.
  • Lally, P. et al. (2010). How are habits formed? European Journal of Social Psychology, 40(6), 998-1009.

Themen: Gelassenheit lernen · gelassener werden · Gelassenheit üben · sich weniger aufregen · innere Ruhe finden