Du sitzt am Küchentisch, der Tag ist durch, alles ist erledigt. Keine Katastrophe, kein Streit, nichts Dramatisches. Du schaust auf die Tasse vor dir und stellst fest, dass es dir vollkommen gleichgültig ist, ob du sie jetzt austrinkst oder nicht.
Das Irritierende ist nicht der Schmerz, sondern dass kein Schmerz da ist. Du bist nicht traurig, nicht wütend, nicht erleichtert. Jemand fragt, wie es dir geht, und du merkst, dass du die Frage nicht beantworten kannst.
Was ist innere Leere eigentlich?
Leere wird oft mit Traurigkeit verwechselt und fühlt sich doch anders an. Traurigkeit hat einen Gegenstand, eine Richtung, meistens auch Tränen. Leere hat davon nichts. Sie ist still, flach und unauffällig. Viele funktionieren darin erstaunlich gut: zur Arbeit gehen, Termine halten, kochen, freundlich sein. Von außen sieht niemand etwas.
Genau deshalb bleibt sie oft lange unbemerkt, auch von einem selbst. Sichtbar wird sie erst da, wo früher Freude war: beim Lieblingsessen, bei Musik, bei einem Menschen, über dessen Anruf du dich früher gefreut hättest. Die Sache ist nicht unangenehm geworden, sie ist egal geworden.
Dahinter steckt selten ein einzelner Auslöser. Häufig ist es eine lange Phase, in der viel geleistet und wenig gefühlt wurde. Wer über Monate im Modus „ich halte das jetzt durch" lebt, drosselt nicht nur die unangenehmen Empfindungen. Die angenehmen gehen mit. Wenn du eher die Erschöpfung dahinter erkennst, hilft der Blick auf emotionale Erschöpfung und ihre Anzeichen.
Was zeigt die Forschung dazu?
Zur inneren Leere als eigenem Phänomen ist die Forschungslage dünn. Es gibt keinen Befund, der sagt: So entsteht Leere und so geht sie wieder weg. Was es gibt, sind Erkenntnisse zu einzelnen Bausteinen.
Matthew Lieberman und Kolleginnen und Kollegen zeigten 2007, dass das Benennen von Gefühlen deren Wirkung im Gehirn verändert: Wer einem Zustand ein Wort gibt, reagiert weniger stark darauf. Bei Leere klingt das unpassend, weil scheinbar nichts da ist, das benannt werden könnte. In der Praxis ist meistens doch etwas da, nur sehr blass. „Dumpf", „abgeschnitten", „gleichgültig" sind Worte und funktionieren besser als keine. Wie das praktisch geht, steht im Artikel über Gefühle benennen.
Susan Nolen-Hoeksema, Blair Wisco und Sonja Lyubomirsky fassten 2008 die Forschung zum Grübeln zusammen: Wiederkehrendes Nachdenken über den eigenen Zustand verlängert gedrückte Stimmung und löst dabei keine Probleme. Für Leere heißt das etwas Unbequemes. Die naheliegende Reaktion, lange darüber nachzudenken, warum man nichts fühlt, verschlechtert die Lage eher, als sie zu klären.
Und ein ehrlicher Hinweis zu den Grenzen: Eine Metaanalyse von Frattaroli aus dem Jahr 2006 zeigt, dass Schreiben über belastende Erfahrungen wirkt, im Schnitt aber in kleinem Ausmaß. Ein Zettel am Küchentisch ist ein Anfang, keine Lösung für einen Zustand, der seit Monaten da ist.
Die Spurensuche: Anleitung in fünf Schritten
Diese Runde dauert etwa zehn Minuten und braucht Papier. Sie soll kein Gefühl herstellen, sondern Spuren von Reaktion finden, auch sehr kleine, weil daran etwas anknüpfen kann.
1. Den Zustand benennen, so blass wie er ist
Schreib einen Satz darüber, wie es gerade innen ist. Nicht wie es sein sollte. „Nichts" ist erlaubt, präziser ist besser: „wie hinter Glas", „dumpf", „abgeschaltet". Es geht nicht um das richtige Wort, sondern darum, dass überhaupt ein Wort da ist.
2. Nach den letzten Regungen suchen
Geh die letzten sieben Tage durch und such Momente, in denen irgendetwas eine Reaktion ausgelöst hat. Ein Ärger im Straßenverkehr. Eine Zeile in einem Lied. Ein Geruch. Solche Momente sind fast immer da, nur so kurz, dass sie durchfallen. Schreib drei auf, auch wenn sie banal wirken.
3. Den kleinsten davon wiederholen
Nimm den unaufwendigsten Punkt deiner Liste und stell ihn noch einmal her. Das gleiche Lied. Der gleiche Weg. Nicht mit dem Anspruch, dass es wieder etwas auslöst, sondern nur, um die Stelle aufzusuchen. Wenn nichts kommt, ist das kein Scheitern, sondern eine Information.
4. Etwas tun, bevor du Lust darauf hast
Im leeren Zustand kommt die Lust nicht zuerst. Deshalb ist Warten die unwirksamste Strategie. Wähl eine sehr kleine Handlung mit Körperbeteiligung: zehn Minuten vor die Tür, Abwasch mit Musik, Fenster auf und drei Minuten schauen. Zehn Minuten sind die Obergrenze, nicht das Minimum.
5. Einen festen kleinen Termin für morgen setzen
Leg eine Sache fest, die du morgen tun wirst, mit Uhrzeit, und mach sie kleiner, als sie sein müsste. Ein Anruf. Ein Weg um den Block. Danach notierst du in einem Wort, was es ausgelöst hat, auch wenn es „nichts" war. Nach einer Woche hast du keine Veränderung, aber Daten, und daraus lässt sich der nächste Schritt besser ableiten als aus Nachdenken.
Kristin Neff und Christopher Germer zeigten 2013, dass sich eine freundlichere Haltung zu sich selbst üben lässt. Das ist hier keine Zierde, sondern Voraussetzung: Wer sich für seine Leere auch noch verurteilt, macht die Sache schwerer.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Innere Leere kann vorübergehen, wenn eine Belastungsphase endet. Sie kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass mehr dahintersteckt als Erschöpfung. Das lässt sich von außen und von innen nicht sicher unterscheiden. Es ist nichts, was du allein klären musst.
Sinnvoll ist ein Gespräch mit einer Fachperson, wenn der Zustand über zwei Wochen fast täglich da ist, wenn Dinge, die dir früher wichtig waren, dauerhaft gleichgültig bleiben, wenn du dich zurückziehst oder wenn Selbsthilfe nichts mehr bewegt. Die Hausarztpraxis ist eine gute erste Anlaufstelle und kann auch körperliche Ursachen abklären. Ohne Überweisung kannst du zusätzlich eine psychotherapeutische Sprechstunde besuchen, Termine vermittelt die Terminservicestelle unter 116117. Wie du den Unterschied zwischen alltäglicher Belastung und etwas Größerem einordnest, steht ausführlich im Artikel Selbsthilfe oder Unterstützung.
Wenn Gedanken dazukommen, nicht mehr leben zu wollen, hol dir sofort Hilfe. Die Nummern stehen am Ende dieses Artikels.
Das Werkzeug zum Mitnehmen
Alle sechs Werkzeuge von Klarstern beginnen mit demselben Schritt: aufschreiben, was da ist, und ihm einen Namen geben. Bei innerer Leere ist das kein Vorspiel, sondern der eigentliche Punkt. Klarstern hilft dir, in kleinen Schritten zu notieren, was noch etwas auslöst, ohne dass du vorher wissen musst, was du fühlst.
Lieber auf Papier? Alle sechs Werkzeuge stehen im Arbeitsbuch „Klar im Kopf".

Über die Autorin: Christina Kubanke ist Psychologin (M.Sc.) und hat Klarstern gegründet. Sie übersetzt erprobte Methoden aus der psychologischen Forschung in Werkzeuge, die man genau in dem Moment benutzen kann, in dem der Kopf voll ist.